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Der Maibaum steht! PDF Drucken Auf Facebook teilen Twitter

Was für ein Tag! Tausende haben am Freitag das Maibaumfest am Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz besucht, um mit dem ganzen Viertel ihren Maibaum zu feiern. Den haben in diesem Jahr drei Künstler mit neuen Tafeln ausstaffiert. Zwei Kletterer haben die Bildmotive kraxelnd enthüllt.

Die Krone wackelt beträchtlich, das ganze Stangerl zittert, als sich der Profi vom Hochseilgarten Aschheim Schritt für Schritt am Stamm des schmächtigen Glockenbachmaibaums emporarbeitet. Die Band Kein Vorspiel liefert schmutzigen Balkan-Brass dazu. Endlich hat der Mann die oberste Quersprosse erreicht, greift die Bildtafel und hakt sie an der Halterung ein. Das erste Bild hängt, die Menge johlt.

Tausende haben am 1. Mai den Weg zum Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz gefunden, wo das Münchner Schwulenzentrum Sub und seine Partner an diesem sommerlichen Freitag ihren Maibaum ausstaffieren sollten. Sechs neue sollten in diesem Jahr hinzugekommen, neben den sechs alten aus dem Vorjahr, in dem Münchens Lesben und Schwule den Baum aufgestellt haben.

"Da kann nichts passieren", sagt Klaus Rascher, als er die beiden Kletterer bei der Arbeit beobachtet. Rascher leitet das Sub-Zentrum in der Müllerstraße 43; er hat das Maifest im Wesentlichen organisiert. "Die sind versichert und außerdem haben Statiker die Aktion abgenickt." Die beiden Kraxler wechseln sich ab, der eine klettert, der andere sichert. Oben angekommen werden die Tafeln eingehängt, was nicht immer gleich gelingt, da der ganze Baum wackelt. Immer wieder müssen die beiden Sportler nachbessern.

Als "rosa Stangerl" hatte das zehn Meter hohe Bäumchen vor einem Jahr über die Grenzen Bayerns hinaus von sich reden gemacht. 2009 hat sich der Presserummel bislang in Grenzen gehalten. Dafür sind heuer sehr viel mehr Menschen zum Maibaumfest gekommen. Sonne, Bier und Bratwurst lockte Alte und Junge, Heteros und Homos, Männer und Frauen, eben das ganze Viertel mit seinen Freunde zum Platz am Glockenbach, wo nun – eingezwängt zwischen Kinder- und Jugendzentrum Kunterbunt und der Werkstatt des Holzbildhauers Rainer Maria Strixner.

Strixner ist einer der drei Künstler, die den Maibaum des Viertels in diesem Jahr mitgestaltet haben. Der bayerische Holzschnitzer hat für das Wirtshaus im Fraunhofer, das neben dem Café Selig und der Deutschen Eiche die Bewirtung am Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz übernommen hat, zwei Tafeln gefertigt. Die eine zeigt einen Narren, die andere ein Tanzpaar, Sinnbilder für das Theater und den Frühschoppen, die das Traditionshaus in der Fraunhoferstraße 9 seit Jahrzehnten prägen. Auf die Bühne hat er sich an diesem Freitag nicht getraut. Wir wissen aber, dass er die Tafeln "in erster Linie für das Fraunhofer" geschnitzt und bemalt hat. Mit dem Wirt Beppi Bachmaier ist Strixner nämlich befreundet. Sonntags geht er gerne auf ein paar Weißwürste ins Lokal.

Fürs Viertel engagiert hat sich auch Marion Pfleghar vom Kinder- und Jugendzentrum Kunterbunt. Sie hat ihre Werke höchstpersönlich auf der Bühne am Platz präsentiert. Eines ihrer Tafelmotive zeigt zwei Freunde mit einem Fußball in der Hand. "Das haben wir hier im Viertel immer gespielt", sagt die 17-Jährige. Die Künstlerin ist im Stadtbezirk 2 aufgewachsen, noch heute trifft sie sich mit ihren Freunden im Kunterbunt, das sich seit diesem Jahr zu den Trägern des Glockenbachmaibaums zählen darf neben dem Fraunhofer, dem Sub - und dem Nord Süd Forum.

Für das Nord Süd Forum hat Mirtha Monge Bildtafeln entworfen. Vier Straßenschilder sind es geworden, die sich mit dem Thema "Heimat" befassen. Darunter ist die "Juri und Miranha Allee", die an das traurige Schicksal zweier Indianerkinder erinnert, die um 1820 zwei Naturforscher aus Südamerika nach München gebracht haben. "Nur wenige Monate später sind beide Kinder am Klima und an gebrochenem Herzen gestorben", sagt Birgit Heinloth vom Nord Süd Forum. Sie hat die in Peru geborene Malerin auf der Bühne vertreten, weil sie heute in Norddeutschland ist, der Arbeit wegen. Beide Kinder liegen am Alten Südlichen Friedhof begraben, wo sie an die Frevel der Vergangenheit erinnern.

So hat der Maibaum an diesem Tag auch ein wenig zum Nachdenken angeregt, noch bevor er überhaupt stand an diesem sonnigen Feiertag, der geprägt ist von bayerisch-schräger Volksmusik und allgemeiner Bierseligkeit. Gegen elf Uhr hat die Aubinger Dorfmusik, bekannt von der Krinoline das Fest eröffnet. Darauf folgten die üblichen Grußworte zur Eröffnung, gesprochen von Alexander Miklosy, der dem Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt vorsteht. Er hat das Maifest neben dem Bezirksausschuss, der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, den genannten Wirten, Thomas Assekuranz, dem Hochseilgarten Aschheim und der Regenbogen-Apotheke unterstützt.

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Nun, da das Balkan-Brass-Orchester Kein Vorspiel zum Tusch ansetzt, ersteht der neue Maibaum mit seinen zwölf Tafeln. Sie alle haben die zwei Kraxler vom Hochseilgarten Aschheim in minutiöser Kleinarbeit hoch oben im Baum angebracht. Der Nachmittag kann beginnen. "Ganz gemütlich", wie ein Besucher sagt, "es ist schön warm, wir sind ganz entspannt und ratschen hier mit Freunden. Schade nur, dass die Musik manchmal ein wenig laut ist." Der Stimmung tut das keinen Abbruch, das ist halt ein Volksfest, wo’s auch mal derber zugehen darf. Das beweisen auch D'Raith-Schwestern, die vor den Afrikanern von Pamuzinda gegen 15 Uhr auftreten und Auszüge aus ihrem Jodical "Die Alpenköniginnen" vorstellen, unverhohlen parodistisch, ganz kitischig, aber schön! Mit den beiden Frauen bekommt das Fest neuen Schwung, bis es gegen 19 Uhr mit G.Rag & Die Landlergschwister endet. Ein gelungenes Fest, gemessen am Wetter, der Besuchermenge und dem Maibaum, der künstlerisch von Jahr zu Jahr wertvoller wird.

Im nächsten Jahr bekommt der Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz einen neuen Maibaum, der viel höher sein soll als der alte. Mindestens 14 Meter soll er groß sein und dann werden noch mehr Bildtafeln an seinem Stang hängen. Vielleicht macht dieses Mal das Gärtnerplatztheater mit, vielleicht wird das Stangerl auch wieder geklaut, wie im vergangenen Jahr von den Ismaninger Burschen. Presserummel wäre garantiert, aber so wichtig ist das nicht. Wichtig ist nur eines: Dass auch 2010 wieder das ganze Viertel zusammenkommt, um seinen neuen Maibaum zu feiern. Wer immer den Baum klaut, aufstellt, besteigt oder dekoriert!

 

Link: 

http://www.romeoliebtjulian.com/rlj/magazin-886.html (Danke an das RlJ-Team!)

 
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