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HIV-Prävention: 20 Jahre Verantwortung für die Münchner Gay-Szene!

Das Projekt Prävention im Sub feiert Jubiläum

Zum 20. Geburtstag seiner HIV-Prävention zieht das Schwule Kommunikations- und Kulturzentrum München, kurz Sub e.V., Bilanz. HIV ist keine tödliche Bedrohung mehr. Gleichzeitig ist die schwule Szene der Stadt geschrumpft und die Community hat ihr Ausgehverhalten verändert. Wer über HIV und Aids aufklären will, muss wissen, wo und wie er die Leute erreicht. Besonders junge Männer stellen das Projekt vor große Herausforderungen.
Guido Vael hat das Projekt Prävention mitbegründet und war lange Jahre Leiter der HIV-Prävention im Sub. Bild: Georg Thum

Die Bedingungen sind heute andere: Die Immunschwächekrankheit Aids hat an Brisanz verloren. Mit einer geeigneten Therapie können Infizierte die Krankheit leicht in den Griff bekommen, HIV ist zur chronischen Infektion geworden. Trotzdem stecken sich noch immer Menschen mit dem Virus an und die Diskriminierung HIV-positiver Menschen ist allgegenwärtig. Prävention ist und bleibt deshalb eine Top-Prio der Gesundheitsbehörden in Deutschland und speziell in Bayern.

Das Projekt Prävention im Sub, das die Münchner Schwulen-Community vor nun genau 20 Jahren ins Leben gerufen hat, hat von Anfang an dazu beigetragen, die Neuinfektionen in Bayern unter Männern, die Sex mit Männern haben, stabil zu halten. Wie die aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, ist das bis heute der Fall, auch wenn sich die Situation etwas verschoben hat. Unter den jungen Männern, die HIV und Aids nicht mehr als Bedrohung wahrnehmen, sind die Neuinfektionen leicht angestiegen. Bei den Älteren sinken sie. Im internationalen Vergleich steht Deutschland gut da mit seinen 2.300 Neuinfektionen unter Männern, die Sex mit Männern haben (2013: 2.400). Und das soll auch so bleiben. Insgesamt leben in Deutschland schätzungsweise 83.400 Menschen mit HIV/Aids (Ende 2014).

"Wir haben das Projekt Prävention in Absprache mit der Münchner Aids-Hilfe vor 20 Jahren gegründet, weil wir als Teil der Schwulenszene auch selbst Verantwortung für die Szene übernehmen wollten", sagt Guido Vael, Mitbegründer des Projekts und lange Jahre Leiter der HIV-Prävention im Sub. "Schließlich waren schwule Männer am häufigsten betroffen, HIV und Aids damals ein Problem der ganzen Szene."

Die Krankheit war tödlich, es gab keine Medikamente. Und die Politik war anfangs keineswegs auf Aufklärung aus, sondern agierte eher repressiv. Das schweißte die Menschen zusammen. "Mit den Therapiemöglichkeiten heute", sagt Kai Kundrath, seit 2011 Leiter des Projekts Prävention im Sub, "ist die Infektionskrankheit eher ein individuelles Thema geworden." Neben dem Kondom bietet - nach einer Ansteckung - die antiretrovirale Therapie einen guten Schutz, wenn die eigenen HIV-Erreger im Blut nicht mehr nachweisbar sind. Sie ist eine praktikable Safer-Sex-Strategie gerade in Partnerschaften von Männern mit unterschiedlichem HIV-Status. Und dank der Präexpositionsprophylaxe können schon jetzt in den USA HIV-negative Personen präventiv Medikamente einnehmen, um sich zu schützen. Das alles ist Safer Sex.

Guido Vael hatte für die Präventionsarbeit der Münchner Szene schon im Jahre 1995 ein wegweisendes Drei-Säulen-Modell entwickelt, das bis heute - in modifizierter Form - existiert. Aus dem Infopool verteilten Vael und sein ehrenamtliches Team Informationsbroschüren und -flyer. In den Stammkneipen der Münchner Szene saßen die so genannten Vertrauensmänner, Männer, an die sich Interessierte mit ihren Fragen zu HIV und Aids, mit ihren Sorgen und Nöten generell wenden konnten. Besonders agil waren die Sittenstrolche, eine Aktionsgruppe, die mit Theaterstücken, Sketchen und Aktionen auf HIV und Aids aufmerksam machte. Ein paar dieser Männer kamen aus der Improtheaterszene und mit ihren Auftritten klärten sie auf spielerische Weise über die Gefahren einer HIV-Infektion auf, ohne moralisch zu wirken. Die Sittenstrolche reisten mit ihrem Programm durch ganz Deutschland.

Platte Sprüche kommen beim Publikum nicht an

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Infopool ist heute vorwiegend digital unterwegs. Die schwulen Stammkneipen sind verschwunden und mit ihnen die Vertrauensmänner. Die Sittenstrolche heißen jetzt Safety-Aktionsgruppe (S’AG). Ihr Programm haben sie an das Ausgehverhalten junger Männer angepasst: Theater spielen sie nicht mehr, sie überraschen auf den großen Szeneevents wie Magic Bar Tour, CSD, dem Hans-Sachs-Straßen- und dem Oktoberfest mit kreativen Foto- und Sampling-Aktionen. Freilich sind die Männer, nach wie vor ehrenamtlich übrigens, immer noch mit ihrem Bauchladen in der Szene anzutreffen, um Kondome zu verteilen. Sie müssen allerdings flexibel sein, denn feste Szeneorte gibt es kaum mehr. Und sie sollten unterhalten: Platte Sprüche kommen beim Publikum nicht an.

"Die ehrenamtliche Arbeit bei der S'AG macht mir Spaß", sagt Gruppenmitglied Alexander Deeg. "Schließlich geht es um Themen, die auch in meinem eigenen Leben eine Rolle spielen. Darüber hinaus bekommt man Einblicke in viele verschiedene Lebenswelten." 

Das Projekt Prävention im Sub ist in der Münchner Szene gut verankert und engagiert. Zum Angebot gehört seit 2005 auch ein monatlicher Test auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (STI), den das Projekt Prävention und die Münchner Aids-Hilfe mit der Stadt München zusammen anbieten, sowie eine Gruppe für HIV-Positive. Auch Männer mit Migrationshintergrund spricht das Projekt Prävention gezielt an. "Wir wollen dafür sorgen, dass die schwulen Männer in unserer Szene Bescheid wissen, entsprechend Verantwortung übernehmen und eine Heimat bei uns finden", sagt Kai Kundrath. 

Münchens Schwule lieben ihre Szene

Und auch wenn die Szene in München kleiner geworden ist – sie lebt noch. Die schwulen Männer in München schätzen sie, wie einen Szeneumfrage im vergangenen Jahr ergeben hat. Für alle Befragten hat die schwule Community - gemeint sind rein schwule, aber auch gay-freundliche Lokale, sowie die vielen Organisationen und Vereine - eine soziale Funktion. Die Partnersuche findet heutzutage im Internet statt – auf GayRomeo, Grindr, Facebook. Auch dort ist das Projekt Prävention selbstverständlich mit Rat und Tat zur Stelle, auf dass schwule Männer auch in Zukunft verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen. Denn, so Guido Vael: "Man kann gut mit HIV leben und sogar sehr alt werden, aber ohne lebt es sich besser. Prävention ist deswegen nach wie vor absolut wichtig."