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30 Jahre Sub-Beratung: Unsere Geschichte

Die Bilanz: Alles wird gut!

Vieles hat sich für Lesben, Schwule, Bi-, Trans*- und Inter*-Personen in Deutschland verbessert - zumindest rechtlich. Die psychosozialen Probleme aber bleiben: In einer heteronormativen Gesellschaft werden es sexuelle Minderheiten nie leicht haben, sie selbst zu sein. Die Beratungsstelle im Sub hilft - seit nun schon 30 Jahren.

Da ist der Gastronom, der sich aus einem Gefühl der Andersartigkeit heraus in seinem Dorf nie zuhause fühlt. Er zieht nach München, wo er in der schwulen Szene nach einer neuen Heimat sucht, aber einsam bleibt. Und beginnt zu trinken. Da ist der Hartz-IV-Empfänger, der schon immer mit dem Konflikt lebt, dass er sich in Männer verliebt, mit denen er keinen Sex haben will, und mit Männern schläft, in die er sich nicht verlieben kann. Seit der Pubertät geht das so, dass er seine sexuellen Bedürfnisse heimlich auslebt, damit niemand sie mitbekommt. Er lernt, dass man Sexualität von ihren sozialen Bezügen abkoppeln muss, weil es sonst gefährlich wird. Schließlich der Marketingleiter, der zwei Leben lebt, ein öffentliches und ein privates, ein großes und ein kleines. Das Gefühl, dass sein Schwulsein etwas Zweitklassiges ist, kompensiert er durch unermüdliches Arbeiten. Bis er Magen- und Schlafprobleme bekommt. Diagnose: Burn-out.

Drei Geschichten von schwulen Männern, die ihren Weg ins Sub gefunden haben, weil sie sich von der Beratungsstelle konkret Hilfe versprochen und auch bekommen haben. Sie alle hat das Coming-out auf ihre Weise (negativ) geprägt. Wenn auch viele Schwule heute für sich einen guten Weg zu einem zufriedenen Leben einschlagen, gibt es doch viele psychische und soziale Problemlagen, in denen sich aufgrund ihrer Biografie gerade Homosexuelle befinden. Ihnen allen steht die psychosoziale Beratungsstelle im Sub nun schon seit 30 Jahren zur Seite. Am 20. November findet dazu in der Müllerstraße 14 eine kleine Feier statt, zu der ausgewählte Gäste eingeladen sind und kommen wie Christian Ude, Stadtrat Christian Vorländer in Vertretung von Oberbürgermeister Dieter Reiter, Kooperationspartner des Sub, Fördernde sowie Medienvertreter*innen eingeladen sind. Um 17 Uhr geht’s los.

Verinnerlichte Homophobie

Die Bilanz, die das Münchner Schwulenzentrum zieht, ist durchaus positiv. "Rechtlich ist in den vergangenen Jahren spätestens mit der Ehe für alle nicht nur für schwule Männer viel erreicht worden", sagt Christopher Knoll, fachlicher Leiter der Sub-Beratungsstelle. Christopher ist ein Mann mit Erfahrung. Er macht den Job im Sub als Berater seit 30 Jahren, hat dort schon angefangen, als er mitten im Psychologiestudium steckte und im Sub noch alles ehrenamtlich lief. Der Verein selbst wurde 1986 gegründet, eine psychosoziale Beratung gab es ab 1988 im "Sub, Infoladen für schwule Männer" neben einem Café, einer Bibliothek, Selbsthilfe- und Freizeitgruppen für jeden Belang.

Die Beratungsstelle wurde 1988 als ehrenamtliches Angebot begründet. Von Anfang an haben etwa zehn fachlich geschulte Mitarbeiter montags bis freitags dort ihren Dienst verrichtet. Erst seit 1997 finanziert die Stadt München auch hauptamtliche Stellen, namentlich das Sozialreferat. Stand heute beschäftigt die Beratungsstelle 15 Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Und noch immer kümmern sich die meisten von ihnen bis heute ehrenamtlich um die Anliegen der schwulen Münchner, die Abendberater nämlich. Sie sind geschult, montags bis freitags im Einsatz für Männer, die nicht tagsüber in die Beratung kommen können oder wollen. "Es ist ja nicht nur das Opfern von Freizeit", sagt der Abendberater Sebastian Kempf. Er ist seit 28 Jahren dabei und wird am 20. November abends die Rede zum Festakt halten. "Wer anderen zuhört, sortieren hilft, dazu beiträgt, eine verfahrene Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten oder einfach auch mal nur tröstet, macht etwas Sinnstiftendes." Das treibe die Leute an. Letztlich aber ginge auch in der Tagesberatung nichts ohne die Unterstützung aus der Community, die die Arbeit der Beratungsstelle über Spendengelder mit trägt!

Christopher und Sebastian kennen die Geschichte der Münchner Schwulenbewegung aus eigener Anschauung. Die gesellschaftliche Akzeptanz für homosexuelle Männer sei zweifelsfrei gestiegen. "Trotzdem haben es in unserer heteronormativ geprägten Welt schwule Männer schwer", sagt Christopher. Denn Vorbehalte gebe es nach wie vor, mehr denn je in diesen (populistischen) Tagen. "Und viele Schwule leiden nach wie vor darunter, dass sie sich selbst nicht akzeptieren können."

Das ganze bunte Leben mit all seinen Herausforderungen

Die Themen, mit denen sich die Beratungsstelle im Sub befasst, sind so vielfältig wie das Leben selbst. Entgegen der landläufigen Meinung ist es nicht das Coming-out, das den Schwerpunkt unserer Arbeit ausmacht. Es geht in der Einzel- und Paarberatung, den vielen Gruppen um Trennung und Einsamkeit, Ängste und Lust, Depressionen und Sucht, Gewalterfahrungen (Anti-Gewalt-Projekt), Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und in der Familie, Beziehungskrisen, rechtliche, Berufs- und Ehefragen (Rechts- und Hartz-IV-Sprechstunde, Coaching), die eigenen Kinder (Regenbogenväter), Gesundheit und Integration. Eigene Angebote gibt es für Junge und Alte (Patenprojekt), Geflüchtete und Eltern von Lesben und Schwulen (Elterngruppe); für die Drogenberatung (Sex und Substanzen/ChemSex) soll demnächst eine eigene Stelle entstehen. Das sind eine Menge spezifischer Anliegen. Daher sieht sich die Beratung im Sub - zusammen mit der Lesbenberatungsstelle LeTRa - auch in zunehmendem Maße gefordert, Fort- und Weiterbildungen sowie Fachtage für andere psychosoziale Stellen durchzuführen, um das Know-how mit anderen Kolleg*innen zu teilen.

Mit der Männerakademie im Sub und dem Männerpalaver der Evangelischen Stadtakademie sprechen wir darüber hinaus Männer gezielt als Solidargemeinschaft an, auch hetero-, bi- und trans*-sexuelle. Denn Männer haben einfach ihre eigenen Themen. "Es ist wie ein Zeichen aus einer besseren Welt, in der Männer unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung zusammensitzen, über ihre Gefühle reden, sich öffnen und Empathie füreinander entwickeln, statt sich misszuverstehen und zu bekriegen", sagt zum Beispiel Michael Kaminski, Diplom-Religionspädagoge bei der Evangelischen Stadtakademie und oft als Referent zu Gast in der Männerakademie. Mehr zur Beratungsstelle hier.

Gewalt, Missbrauch und Flucht

In den vergangenen Jahren haben sich neue Beratungsschwerpunkte ergeben. "Wir beobachten eine zunehmende Gewaltbereitschaft im Viertel", sagt Sub-Geschäftsführer Kai Kundrath. Das Münchner Schwulenzentrum hatte deshalb im Frühjahr die Solidaritätsaktion "Kein Platz für Hass bei uns im Viertel" ins Leben gerufen, um auf das Problem aufmerksam zu machen und Betroffene zu bewegen, Anzeige zu erstatten. Die Plakate hängen in den Lokalen der Szenegastronomie. "Wir wollen den Wirten damit die Möglichkeit geben, zu sagen: Mit uns nicht! Und wir möchten gleichzeitig die Leute hier für ein respektvolles Miteinander gewinnen", so Kai weiter. Daneben beschäftigt sich die Beratungsstelle intensiv mit dem sexuellen Missbrauch in der Kirche, kümmert sich um die Opfer, die ins Sub kommen. Natürlich betreuen wir in der Müllerstraße 14 – gemeinsam mit der Gruppe von ehrenamtlichen Helfern Refugees@Sub - auch viele Geflüchtete, die ihrer sexuellen Orientierung oder Gender-Identität wegen nach Europa gekommen sind. Und es wird neue Angebote geben: Für schwule Muslime zum Beispiel wollen wir bald eine Gruppe gründen.

Die Einsatzfelder mögen variieren, ihre Ursache bleibt aber immer dieselbe: Das Anderssein macht es den Betroffenen schwer, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. "Dafür wird es immer eine Auseinandersetzung brauchen", sagt Christopher, "mit den Menschen um uns herum, vor allem aber mit sich selbst." Eine Anlaufstelle wie die Beratung im Sub wird es deshalb auf absehbare Zeit noch brauchen. "Und das ist gut so", sagt er. Die 30 Jahre in der Beratungsstelle, erinnert sich der Sub-Berater, seien nicht immer nur schön gewesen bei all den Schwierigkeiten, die ihm begegnet sind. "Aber ich hatte immer das Gefühl, schwulen Männern bei ihrem Weg eine entscheidende Hilfe geben zu können und die Szene dadurch zu einem lebens- und liebenswerteren Ort zu machen." Davon, sagt er dankbar, habe er als Mensch profitiert!