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30 Jahre Sub-Beratung: "Helfen ist sinnstiftend!"

Abendberater Sebastian Kempf im Kurzinterview

Sebastian ist seit 28 Jahren ehrenamtlich im Sub unterwegs. Er kam 1990 zu seinem Job als Abendberater, weil er das neue Sub in der Müllerstraße 38 mitaufbauen, mitgestalten wollte und blieb dabei. Er hat eine Mission.

Sebastian, was bewegt Euch, ehrenamtlich andere schwule Männer zu beraten? Ihr Abendberater opfert ja Eure Freizeit und habt es dann oft mit krassen Geschichten zu tun.

Die meisten von uns sind dabei, weil sie in der schwulen Szene nicht nur als Konsumenten oder Szenegänger auftauchen wollen, sondern auch aktiv etwas mitgestalten. Da gibt es ja im Sub einige Möglichkeiten. Und einige von uns waren auch vorher beim Thekendienst oder beim Infodienst und haben dann noch mal ein herausfordernderes Tätigkeitsfeld als Ehrenamtler gesucht. Einer von uns war zum Beispiel vorher in der Betreuung von Inhaftierten aktiv, wollte sich dann irgendwann im schwulen Bereich engagieren.

Also geht es auch darum, für sich selbst etwas mitzunehmen?

Es ist ja nicht nur das Opfern von Freizeit. Wer anderen zuhört, sortieren hilft, dazu beiträgt, eine verfahrene Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten oder einfach auch mal nur tröstet, macht ja auch etwas Sinnstiftendes. Es kann sehr schön sein, einen Prozess zu begleiten, bei dem sich was allmählich mit deiner Begleitung zum Besseren wendet. Wer jemandem anderen hilft, kriegt fast immer etwas zurück. Bei der  Auseinandersetzung mit schwierigen Fällen, zum Beispiel in der Supervision, lernt man auch immer wieder Neues.  Und für die von uns, die nicht hauptamtlich im psychosozialen Bereich arbeiten, ist das ja auch noch mal die Befassung mit einem ganz anderen Lebensbereich. Wenn ich tagsüber damit beschäftigt bin, Computerprogramme zu schreiben oder Pläne zu zeichnen, ist die Arbeit als Berater vielleicht auch eine menschliche Ergänzung.

Hat die ehrenamtliche Abendberatung andere Schwerpunkte als die hauptamtliche Tagesberatung? Was könnt Ihr besser, was die?

Einerseits sind die Themen, mit denen die Ratsuchenden zu uns kommen, bei Abend- und Tagesberatung sehr ähnlich. Coming-out, Beziehungsprobleme, Frust mit der Szene, Diskriminierungserfahrungen, Probleme in der Sexualität u.v.a.m. Andererseits kann der Zugang zu uns Abendberatern anders funktionieren. Man kann als potenzieller Klient erst mal abtasten, wer da so hinter der  Beratungstheke steht, vielleicht auch erstmal ein ganz unverbindliches Gespräch über Angebote im Sub oder irgendwas ganz anderes anfangen. Und dann irgendwann, wenn man sich traut, das Anliegen konkreter zu formulieren: "Du, ich hab mal ne Frage, aber ich weiß nicht, ob Ihr für so was zuständig seid…" Manchmal wollen die Klienten auch erstmal eine Weile an der Beratungstheke weiterreden – der Wechsel zu einem geschützteren Setting im abgeschlossenen Beratungszimmer wäre noch zu heiß, zu gefährlich. Das liegt dann am Fingerspitzengefühl der Berater, ob sie den Wechsel ins Beratungszimmer vorschlagen oder ob sie die unverfänglichere Ebene des Gesprächs im Café-Bereich noch aufrechterhalten.

Anders als bei der Tagesberatung, wo Ratsuchende feste Termine bekommen.

Richtig, die Abendberater haben auch die Möglichkeit, auf jemanden vorsichtig zuzugehen, der im Sub verloren wirkt oder sich sehr schüchtern umschaut. "Kann ich Dir helfen? Bist du zum ersten Mal hier im Sub?". Solche Fragen können auch eine Brücke bauen für die, die sich selbst noch nicht zu fragen trauen. Einer von uns ist da Spezialist, den kennen und mögen ganz viele andere Ehrenamtler und stürzen sich oft auf ihn. Manchmal braucht er sehr lang, bis er durchs Café gekommen ist. Der kennt unglaublich viele kleine und große Geheimnisse und Geschichten, aber alle wissen, dass er hundertprozentig verlässlich und absolut verschwiegen ist.

Ok, das ist anders. Und wo ergänzt Ihr Euch?

Ergänzen tun sich die beiden Teile der Beratungsstelle gerade bei den Geflüchteten. Für ein erstes Gespräch, einen ersten Zugang kann die Abendberatung prima sein, auch, um abzuklären, was derjenige braucht. Wenn es aber um Behördenkontakte und Anhörungsverfahren geht, sind wir froh, an die Tagesberatung vermitteln zu können, die auch tagsüber Unterkünfte, Anwälte und Behörden kontaktieren kann. Und wenn da etwas geklärt werden konnte, können Ratsuchende für die emotionale Ebene auch wieder zur Abendberatung kommen. Grundsätzlich kann uns die Tagesberatung ja auch Termine eintragen, wenn sie selbst keine mehr frei haben. Und andersherum können wir auch an die Tagesberatung vermitteln, wenn jemand in einer Situation ist, wo er zum Beispiel häufigere Gespräche braucht, als wir sie anbieten können.

Du bist seit 1990 dabei.

Ja, ich hatte damals die Idee, beim Sub in den neuen Räumen irgendwas mitmachen zu wollen und wegen meines Sozialpädagogik-Studiums hab ich mich dann für die Beratung interessiert. Ich hatte selbst mit 17, 18 Jahren – nicht in München - eine Art Coming-Out-Kurztherapie, die mich innerlich sehr befreit und weitergebracht hat. Mich hat damals sehr beeindruckt, wie ich selbst beraten worden bin. Es gab fast gar keine Interpretationen und Ratschläge. Aber der Berater bzw. Therapeut hat viele Fragen gestellt und zwar die richtigen, sodass ich selbst auf meine eigenen Antworten und Lösungen kommen konnte. Das wurde mir erst im Nachhinein klar und ich hab mir gedacht, das will ich auch lernen. Die Beratung im Sub war eine Möglichkeit, da einzusteigen. Es war auch nicht schlecht, dann mit ehrenamtlicher Beratungserfahrung ein paar Jahre später ins Berufsleben einzusteigen.

Du bist geblieben.

Mir ist das eben wichtig. Irgendwann sind die Beratungsgruppe und unsere gemeinsamen Treffen und Anliegen für mich immer wichtiger geworden. Bis heute.