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30 Jahre Sub-Beratung: "Wir sind parteilich!"

Abendberater Sebastian Kempf blickt zurück auf drei Jahrzehnte Ehrenamt

Sebastian ist zwar noch keine 30, dafür doch schon 28 Jahre dabei. In seiner Rede zum Festakt am 20. November erzählt er von seinen Erfahrungen mit der Sub-Beratung von den Anfängen bis heute. Hier seine Rede.

30 Jahre Beratungsstelle im Sub. Mein Name ist Sebastian Kempf. Ich bin zwar nicht 30 Jahre als ehrenamtlicher Berater dabei, aber immerhin 28, und deswegen bin ich wohl auch gefragt worden, ob ich zu diesem Anlass ein paar Worte sagen kann. Eher aus der Perspektive der ehrenamtlichen Berater und vielleicht auch mit ein paar persönlichen Eindrücken.

Im Vorfeld bin ich auch noch mal daran erinnert worden, dass ich eigentlich dem Sub noch länger verbunden bin. Ich war 1986 Gründungsmitglied – das heißt, ich habe damals mit 20 Jahren das Gründungsformular mit unterschrieben. Lange her. Das Sub hat damals noch keine eigenen Räume gehabt, sondern war einmal in der Woche mit dem Café Szenenrand zu Gast im Selbsthilfezentrum. Ich fand es nicht so wahnsinnig spannend dort – ich erinnere mich eher mit leichtem Grausen an einen Chansonabend, bei dem ich die Texte wahnsinnig etepetete und schlüpfrig fand. Das war irgendwie nicht meins – ich bin lieber noch eine Weile im warmen Nest meiner studentischen Schwulengruppe, der HALT, geblieben.

Endlich ein Schwulenzentrum mit offenen Fenstern - das war 1990

In den ersten eigenen Räumen des Sub im Hinterhof in der Müllerstraße war ich ab und zu als Besucher. Dann aber bekam ich mit, dass es ein neues Sub geben würde und erklärte mich bereit, beim Renovieren der Räume in der ehemaligen Stadtsparkasse mitzuhelfen. Von Anfang an war ich begeistert von dem hellen, offenen Hauptraum mit den riesigen Fenstern – endlich was Offenes, wo man sich nicht mehr verstecken musste oder vor irgendwelchen Läden mit Jalousien klingeln musste, um verschämt eingelassen zu werden. Beim Renovieren traf ich einen jungen Mann, der mir erzählte, dass er bei der Beratungsgruppe mitmacht. Und da dachte ich mir, das wär für mich als Sozialpädagogik-Student doch auch was. Das war 1990, und das war mein Einstieg in die Beratungsgruppe.

Die Art und Weise, wie sich die Beratung damals im Sub präsentiert und ihre Dienste angeboten hat, hat sich interessanterweise bis heute erhalten. Wer ins Sub kam und nicht nur was trinken wollte, lief gleich auf einen Ehrenamtler vom Infodienst und einen Ehrenamtler von der Beratung zu, die beide nebeneinander saßen. Das hat sich bis heute gehalten. Man betrat das Sub, kam in einen großen, offenen Raum, und in der Mitte saßen der jeweilige Infodienst und der jeweilige Berater, jeder an einem großen Glastisch. Man kam an den beiden nicht vorbei. Und natürlich hatten wir auch alle im Blick, die in den Laden kamen. Das war ein zentraler Platz im Sub und es kam auch öfter vor, dass Freunde und Freundinnen zum Ratschen vorbeikamen und sich gleich zu uns auf den Glastisch setzten. Man hatte eben einen super Überblick.

Trotzdem wollten wir als Berater sichtbar und vor allem ansprechbar bleiben und mussten dann natürlich deswegen auch unseren Tisch freiräumen. Das Problem – wie gut kann man das Beratungsangebot wahrnehmen, wenn es im Sub voll ist und viele vorm Beratungstisch stehen – begleitet uns bis heute. Gleichzeitig ist es natürlich nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance. Man kann schauen, wer das ist, der da Beratung anbietet, und spontan und ohne Terminvereinbarung den Berater ansprechen – Niedrigschwelligkeit ist das Zauberwort.

Mit den Klienten reden? Manchmal ging das nur bei einem Spaziergang

Der offene Zugang und die deutliche Sichtbarkeit waren und sind für manche der Ratsuchenden genau das Richtige. Man kann sich spontan entscheiden und dann für ein vertrauliches Gespräch in den geschützten Rahmen des Beratungszimmers wechseln. Andere Männer waren viel zurückhaltender – die riefen an und wollten erstmal nur telefonisch beraten werden. Oder aber sie sagten am Telefon, dass sie schon gerne ein Face-to-Face-Gespräch führen würden, sich aber nicht in Sub trauen. Da war unsere Flexibilität gefragt. Wir holten dann entweder die Ratsuchenden zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt vor der Tür ab oder beim Seiteneingang – oder, wenn auch das zu heikel war, notfalls an der nächsten Straßenecke. Und wo es überhaupt nicht ging, dann war in Ausnahmefällen auch mal ein Spaziergang möglich.

Das mit der telefonischen Beratung ist übrigens über die Jahre immer weniger geworden. Früher kamen die Ratsuchenden oft nur einmal, manchmal vielleicht zwei, drei Mal. Auch das hat sich geändert - es gibt immer mehr Männer, die wir über einen längeren Zeitraum begleiten, auch durchaus eineinhalb oder zwei Jahre. Manchmal erfordert das viel Geduld und immer wieder Überprüfung in der Supervision. Veränderungsprozesse können sehr zäh und langsam sein. Ich erinnere mich gut an einen Klienten, der trotz immer wiederholter Einladungen nur am Telefon mit mir sprechen konnte und der in der Endphase der Beratung dann tatsächlich zwei Mal persönlich kam. Das war ein unglaublicher Erfolg für ihn.

Was war aber das Besondere, was unser Beratungsangebot von einer anderen Lebensberatungsstelle unterschied und warum viele dann doch lieber zu uns kamen und immer noch kommen? Es ist eine Beratung von schwulen Männern für schwule Männer – auch für bisexuelle und Trans*-Männer - sowie ihre Angehörigen und Freunde. Das heißt, niemand muss erstmal gegenüber dem Berater mühsam damit rausrücken, dass er - Sie wissen schon - ein bisschen anders als die meisten… vom anderen Stern… anders gepolt… und wie die verschleiernden Umschreibungen alle heißen.

Wir ergreifen Partei für unsere Klienten

Bei uns kann der Ratsuchende voraussetzen, dass er mit einem schwulen Mann redet, der sein Coming-out schon erlebt hat. Mit einem Mann, der vielleicht auch schon mal kreuzunglücklich in einen Hetero-Mann verliebt war. Mit einem Mann, der nicht an seinem Schicksal verzweifelt ist, sondern sich mit seinem Schwulsein auseinandergesetzt hat, damit ganz gut klarzukommen scheint und vielleicht auch einen ganz zufriedenen Eindruck macht. Mit einem Mann, der vielleicht eine Ahnung hat, wie das mit der schwulen Szene so läuft, wie schwer man sich manchmal mit dem Gefühl tut, in der glamourösen oder muskulösen Szene nicht anzukommen. Mit einem Mann, der weiß, was das Wort Cruising bedeutet, und bei dem man sich mit bestimmten Themen vielleicht etwas weniger schämt. Mit einem Mann, dem bewusst ist, dass das Konzept der stillschweigend vorausgesetzten Monogamie nicht für alle schwulen Beziehungen passt und der heutzutage eine Ahnung hat, wie Grindr und GayRomeo als soziale Netzwerke funktionieren. Unseren Ratsuchenden war damals schon wichtig und ist es heute noch, dass wir parteilich sind und sie in ihrem Streben unterstützen, als schwuler Mann ein glückliches Leben zu führen.

Manchmal werden wir gefragt: Hast Du sowas auch erlebt? Wie war Dein Coming-out? Haben deine Eltern auch total ablehnend reagiert? Bei solchen Fragen haben wir uns nie ganz sklavisch an das Gebot der beraterischen Abstinenz gehalten, sondern schon ab und zu auch etwas aus dem eigenen Leben preisgegeben. Auch manchmal im Sinne von „It gets better“. Ja, es kann viel besser und vielleicht auch unbeschwerter werden, als man befürchtet hatte. Mit den Jahren sind wir bei der Beantwortung von solchen Fragen sicher etwas zurückhaltender geworden, aber es kann manchmal immer noch hilfreich sein, sich da eben nicht komplett abzugrenzen.

Aber was sind die Themen, mit denen Männer zu uns kamen und kommen? Zum Beispiel Leistungsdruck und Perfektionsstreben im Beruf, quasi kein Privatleben und auf einmal die Erkenntnis, dass einem Beziehung, Nähe und Sex doch ziemlich fehlen und dass man mit 35 gar nicht weiß, wie das alles eigentlich geht. Zum Beispiel Beziehungsprobleme - Stichwort Eifersucht oder unterschiedliche Machtverhältnisse in einer Beziehung. Zum Beispiel existenzielle Probleme: etwa bei einem geflüchteten Mann, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, der aber bei der Anhörung nicht angegeben hat, dass er schwul ist und der jetzt zum ersten Mal hört, dass in diesem Land Homosexualität tatsächlich legal ist . Zum Beispiel sexuelle Probleme, die Angst, sich mit HIV oder anderen Krankheiten angesteckt zu haben.

Ende der 90er war der Bedarf groß genug für eine hauptamtliche Tagesberatung

Nach den ersten Jahren der Beratungsgruppe hat sich gezeigt, dass der Bedarf so hoch ist, dass wir das allein nicht mehr abdecken können. Es wurden Gespräche mit der Stadt aufgenommen und irgendwann Förderanträge gestellt und wie wir ja alle wissen, gibt es seit 1997 das hauptamtliche Angebot der Tagesberatung. Wie wichtig aber die Beratungsgruppe für uns Berater ist, zeigt sich daran, dass einige, die als Hauptamtliche anfingen, das mit dem ehrenamtlichen Engagement doch noch nicht ganz lassen konnten. Zum Beispiel Uli Fuchshuber und Christopher Knoll. Auch Sascha Hübner hat sich lange schwer getan, die Ehrenamtlergruppe zu verlassen.

 Als das Sub nach der grandiosen Verortung in der hellen, offenen Ex-Stadtsparkasse mal wieder umziehen musste, gab es nicht genug Platz, um uns Ehrenamtler und die hauptamtliche Tagesberatung in den neuen Räumen unterzubringen. Die Tagesberatung war über einige Jahre ausgelagert, in eigenen Räumen in der Pestalozzistraße. An eines an diesen Räumen erinnere ich mich noch sehr deutlich: an den Teppich. Dunkelblau mit einem aufdringlich-bunten Achtziger-Jahre-Muster aus Quadraten, Kreisen und Kegeln. Vor allem fand ich immer: Der Teppich roch nach alter Spucke. Für einen neuen Boden hat das Geld nicht gereicht. Das ist zum Glück Geschichte und es gibt neue Räume mit einem besseren Boden.

Stichwort Räume: Wir von der Abendberatung sind immer in den Räumen des jeweiligen Sub geblieben, bis letztendlich die Tagesberatung mit dem aktuellen Sub wieder zu uns zurückkehren konnte. Und dass die Stadt dem Sub diese tollen, auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenen Räume zur Verfügung gestellt hat, haben wir nicht unwesentlich einem langjährigen Mitglied der Abendberatung zu verdanken: Andreas, der lange bevor es die Koordinierungsstelle gab, schon Abendberater war und der irgendwann leider entschieden hat, dass 25 Jahre Ehrenamt erstmal reichen. Er ist natürlich nicht der einzige, der viel Zeit und Herzblut in die Beratung investiert hat – wir haben eine sehr, sehr lange Liste von Ehemaligen.

Unsere Themen haben sich immer wieder verändert

Was hat sich noch über die Jahre hinweg gehalten, was hat sich verändert? Gleich geblieben ist das Angebot der Abendberatung, wochentags am Abend von 7 Uhr bis 10 Uhr für Ratsuchende da zu sein. Die zunehmende Bedeutung der Beratungsstelle hat dazu geführt, dass sie sich natürlich über die Jahre auch immer wieder professionalisiert hat, zum Beispiel ihre Mitarbeiter kritischer auswählt und in langen, begleiteten Ausbildungswegen in die Tätigkeit einarbeitet.

 Es sind, auch gerade in der Tagesberatung, aber auch neue Bereiche dazugekommen, Gruppenarbeiten zum Beispiel für schwule Männer mit Depression, für Männer mit spätem Coming-out oder Selbsterfahrungs- und Therapiegruppen. Unser Patenprojekt kümmert sich um Menschen, die wegen Alter oder Erkrankung nicht ausreichend am sozialen Leben teilhaben können, unser Anti-Gewalt-Projekt um Opfer von schwulenfeindlichen Übergriffen und Gewalt. Und es gibt mit dem Männerpalaver und der Männerakademie Angebote, die viele Männer zum Miteinanderdiskutieren einlädt.

Seit einigen Jahren engagiert sich die Beratungsstelle auch sehr in der Fortbildungsarbeit zusammen mit den Kolleginnen von LeTRa, insbesondere für soziale Einrichtungen der Stadt München. Und neu ist auch, dass ein großer Teil der Ratsuchenden inzwischen aus geflüchteten Männern besteht, um deren vielfältige Bedürfnisse wir uns als Beratungsstelle mit allen unseren Bereichen bemühen.

Wir sagen DANKE!

Was für die ganze Beratungsstelle gilt: Schön, dass mit solchen Gesetzesänderungen wie der Ehe für alle die rechtliche Gleichstellung ein großes Stück weitergekommen ist. Aber mit dem Heiratenkönnen allein - was ja auch nicht alle wollen- ist es nicht getan. Trotz Normalisierung auf einigen Ebenen gibt es immer noch viele schwierige, schmerzhafte Auseinandersetzungen mit der eigenen Identität und mit alten und neuen Anfeindungen. Und deswegen brauchen schwule, bisexuelle und Trans*-Männer immer noch Begleitung auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein.

Eine Feier ist der wohl beste Zeitpunkt, Dank zu sagen. Und so möchte ich einigen Personen unseren Dank aussprechen: Einen Dank an Geschäftsführung und Vorstand des Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrums München e.V. für die gute Kooperation und für die Unmenge an ehrenamtlich geleisteter Arbeit für die schwulen Männer in München. Einen Dank auch an die ehemaligen Kollegen der Abend- und der Tagesberatung. Jeder von ihnen hat unser Angebot ein klein wenig mitgeprägt. Einen Dank an die Landeshauptstadt München und ihre Vertreter*innen für Ihre Unterstützung und ihr Vertrauen in die Qualität unserer Arbeit. Und einen letzten Dank an Sie alle, die Sie heute gekommen sind, um mit uns zu feiern. Und das werden wir heute Abend gerne noch eine ganze Weile mit ihnen tun. Vielen Dank!