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Das Sub fordert die Einrichtung einer ChemSex-Stelle

Für ein Suchthilfesystem für schwule und bisexuelle Männer

Seit einiger Zeit bemühen wir uns um eine Stelle im Sub für die ChemSex-Beratung. Männer, die Sex mit Männern haben, greifen dabei immer häufiger zu Drogen, oft Chrystal Meth. Aktuelle Studien bestätigen den Trend. Das Münchner Schwulenzentrum versteht die Beweggründe dahinter und will Betroffenen helfen, um die Folgen zu mildern. Wir zitieren hier aus unserem Antrag.

In den letzten Jahren wurde von nationalen und internationalen Medien immer wieder von einer Zunahme des Konsums von Crystal Meth und anderen psychoaktiven Substanzen in Verbindung mit Geschlechtsverkehr bei MSM berichtet. Aktuelle Studien haben dieses Phänomen bestätigt, das mittlerweile den offiziellen Titel ‚ChemSex’ trägt. Das Pilot-Projekt QUADROS der Deutschen Aids-Hilfe, das vom Institut für Suchtforschung Frankfurt am Main wissenschaftlich begleitet wurde, führte zu ersten Ergebnissen für Deutschland und weist auf eine immense Unterversorgung der Hilfesuchenden hin.

Es gibt einen großen und teilweise noch ungesehenen Bedarf für die Beratung und Begleitung von drogenabhängigen MSM, die über den Drogengebrauch beim Geschlechtsverkehr in die Drogensucht abzurutschen drohen oder bereits suchtkrank sind. Zudem wird davon ausgegangen, dass die Zahl der Abhängigkeitserkrankungen innerhalb der Zielgruppe noch ansteigt. In Großbritannien hat sich das Thema 'ChemSex' und seine Folgen zu einem allgegenwärtigen Thema der schwulen Community entwickelt. 'ChemSex' ist mittlerweile auch in Deutschland ein viel diskutiertes Thema.

Konsum ohne Verantwortung

Männer, die Sex mit Männern haben, konsumieren weitaus häufiger Crystal Meth und andere Substanzen als andere Gruppen in der Allgemeinbevölkerung. Teilweise konsumieren die Männer jahrelang Drogen, ohne sich eine Suchtproblematik einzugestehen. Das Eindrückliche an diesem Phänomen ist, dass die Sexualität mit dem Drogenkonsum gekoppelt ist und der Konsum zu einer Veränderung des Auslebens von Sexualität führt. Crystal Meth ist eine ganz besondere Droge, die im ersten Moment sehr positiv wirkt. Sie führt außerdem zu einem enormen sexuellen Hochgefühl und sexueller Höchstleistung, die in allen Altersgruppen zu exzessiven sexuellen Handlungen verleitet und auch älteren Männern die Möglichkeit gibt ihre Sexualität aktiv auszuleben.

Unter dem Einfluss der Drogen verschwinden jegliche Scham und Selbstzweifel, es wird sexuell experimentiert und es werden teilweise Praktiken vollzogen, die vorher meist nur Phantasie waren. Das hat fatale Folgen. Die Sexualität verlagert sich ins extreme und rein Triebhafte und der Drang immer mehr erleben zu wollen, nimmt zu. Für die Sexualität bedeutet dies, dass Geschlechtsverkehr ohne Crystal Meth/Drogen als nicht mehr reizvoll empfunden wird und die Betroffen sich in einer emotionalen Abwärtsspirale befinden, die fatalerweise nur noch durch die Drogen in Kombination mit Sex ausgeglichen werden kann.

Folgenschwerer Rausch

Hinzu kommt, dass man den Betroffenen ihren Konsum größtenteils nicht ansieht. Wenn potentielle Neukonsumenten erfahren, dass ihre Freunde oder Bekannte regelmäßig Crystal Meth zum Sex konsumieren und gleichzeitig gesund aussehen, führt das häufig zur Verharmlosung der Konsumproblematik. Über die Vernetzung von MSM durch Online-Plattformen (Grindr, Scruff, Planetromeo etc.), kommt jeder MSM sehr leicht in Kontakt mit Sexdrogen. Neben teilweise sehr direkten Anfragen zum gemeinsamen 'ChemSex', ist über spezifische Codeworte für die einzelnen Drogen in den Chat-Profilen offensichtlich, wer welche Substanzen konsumiert oder die Bereitschaft dazu hat.

Das Resultat dieser Problematik sind in erster Instanz Drogensüchtige, die sich selbst nicht als drogensüchtig wahrnehmen, beziehungsweise Männer, die Gefahr laufen in eine Drogensucht zu rutschen und die durch ihren Konsum einen enormen Hilfebedarf auch in anderen Hilfe-Systemen entwickeln. Eindrücklich dabei ist auch, dass 'ChemSex' ohne Drogenaffinität oder vorherige Konsumhistorie praktiziert wird. Der Großteil der Männer beginnt erst relativ spät mit dem Konsum und auch immer im sexuellen Kontext. Wenn sich die Folgen im Alltag niederschlagen, entsteht ein großer Leidensdruck.

Einsicht bringt Hilfe

Wenn die Betroffenen ihr Problem erkennen, sind die meisten von ihnen willens, den Konsum ganz einzustellen. Das fällt jedoch aufgrund der gemachten Erfahrungen und dem natürlichen menschlichen Triebverhalten, das bereits mit dem Drogenkonsum gekoppelt ist, sehr schwer und führt sehr häufig zu Rückfällen. Der erhöhte Konsum in dieser speziellen Gruppe hat verschiedene Gründe:

MSM haben aufgrund ihrer Sexualität häufig ein schlechtes Selbstwertgefühl, da sie sich anders als die gelebte Norm in der Gesellschaft wahrnehmen (Heteronormativität & Homonegativität) und in diesem Zusammenhang Erfahrungen verbaler und physischer Gewalt machen. Auch eine HIV-Diagnose, die heutzutage gut behandelt werden kann, führt öfter zu einem ruinösen Lebenswandel, was in der Hauptbetroffenengruppe für HIV in Deutschland (schwule und bisexuelle Männer) einem vermehrten Drogenkonsum verursacht. Dieser bringt häufig eine verminderte Complience in der Therapie mit sich, was wiederum zu Neuansteckungen führt, da die Viruslast der Betroffenen ansteigt. Zudem trägt der Konsum von Sexdrogen häufig zur Infektion mit HIV bei, da dadurch das Eingehen von Risiken immens zunimmt.

Ärzte sind überfordert

'ChemSex' ist keine konventionelle Drogenproblematik. Wir sehen uns einer komplexen Problemlage gegenübergestellt, die oft mit psychischer Komorbidität einhergeht und deren Ursachen und Folgen (!) gesellschaftliche Ausgrenzungen, Stigmatisierung und Selbstzweifel sind. Zudem finden wir in der Zielgruppe ein geringes Problembewusstsein und erhebliche Zugangsbarrieren zu psychosozialen Diensten.

Es gibt zahlreiche HIV-Schwerpunkt-Ärzte in München, die über schwule und bisexuelle Patienten berichten, die offensichtliche Drogenprobleme haben. Die ‚ChemSex‘-Problematik verursacht Ratlosigkeit auf Seiten der Ärzte, da sich der Kontakt zu ihren Patienten verändert und sie diese nicht mehr mit ihrer gewohnten Gesprächsführung erreichen können. Wenn die Patienten zu konventionellen Angeboten der Drogenhilfe weiterverwiesen werden, kommen sie dort nicht an. Oft ist die Problematik mit Scham besetzt und die Betroffenen scheuen sich davor, sich an eine solche Stelle zu wenden. Einerseits, weil neben dem Drogenkonsum die Sexualität thematisiert werden muss und andererseits, weil viele Konsumenten trotz deutlichen Auffälligkeiten nur eine geringe Problemeinsicht haben. Der Zugang zum bestehenden Hilfesystem ist für die Zielgruppe sehr schwierig.

Wir wollen helfen!

Notwendig ist ein Angebot, um den Männern die Möglichkeit zu geben, sich an ein adäquates und zielgruppenspezifisches Hilfeangebot zu wenden und ihre Drogensucht zu thematisieren. Grundlegend dafür ist die Akzeptanz der schwulen Lebenswelt mit Fokus auf der schwulen Sexualität. Beim Thema MSM und Drogen muss die schwule Sexualität und Lebenswelt mit einbezogen werden, da zum Überwinden der Drogensucht der Fokus auf der Sexualität und der schwulen Identität liegen muss. Dies ist bei konventionellen Angeboten in der Drogenhilfe nicht gewährleistet.

In Deutschland gibt es bisher zwei zielgruppenspezifische Angebote in Köln (Aids-Hilfe Köln) und Berlin (Schwulenberatung Berlin). Beide haben einen großen Zulauf, so wurden beispielsweise in den letzten Jahren annähernd 200 Klienten von der AH Köln beraten und begleitet, in München und Umland ist die Situation ähnlich - es wird von verschiedenen Seiten ein großer Bedarf an einer zentralen Anlaufstelle gemeldet, die sich um die Vernetzung und zielgruppenspezifische Begleitung der Betroffen Männer annimmt.

Das Thema ist ernst

Gezielte Fachgespräche mit anderen Einrichtungen und Praxen bestätigen, dass es sich um eine ernstzunehmende Problematik handelt. Deshalb wird seit Februar 2017 zum Runden Tisch 'ChemSex' im Zentrum des Sub e.V. eingeladen, um Drogenhilfe, Schwerpunktärzte und HIV-Beratungsstellen/Prävention zu vernetzen und den Bedarf und die Sichtweisen in Bezug auf ChemSex zu generieren – hier ist auch der Suchkoordinator der LH München anwesend. Von Seiten der Beratung und Ärzteschaft wird seit Anfang 2017 eine ständige Zunahme von Hilfesuchenden und süchtigen MSM thematisiert, auf der Seite der Drogeneinrichtungen finden sich diese Klienten nicht wieder.

Auch wird immer wieder berichtet, dass Hilfesuchende erst nach einem längeren Beratungsprozess ihre ChemSex-Problematik ansprechen. Ebenfalls gab es beim Runden Tisch diverse Rückmeldungen, die erhebliche Zugangsbarrieren in der ‚konventionellen Drogenhilfe‘ aufzeigten. Konsens der Experten war, dass eine im Sub e.V. angesiedelte Stelle eine wichtige und nötige Ergänzung zu den bestehenden Angeboten sei und die niederschwellige und notwendige Brücke für die Betroffenen ins Hilfesystem schlagen würde. Zudem gibt es im Zentrum des Sub e.V. bereits eine Selbsthilfegruppe für Männer, für die ihr Konsum zum Problem geworden ist.

Ein neues Angebot im Sub

Die Teilnehmer treffen sich 14-tägig, um sich auszutauschen und gegenseitig Halt und Unterstützung zu geben.
Der Fokus für die beantragten Mittel soll auf der zielgruppenspezifischen Beratung und Begleitung von Betroffenen liegen, die im Sinne eines Case-Managements zur Optimierung des bestehenden Versorgungssystems beitragen. Die Klienten können so durch das Hilfesystem und das Netzwerk durch Ermittlung der individuellen Bedürfnisse an die passenden Angebote vermittelt werden und dabei die notwendige Begleitung erfahren. Es soll eine zentrale Anlaufstelle für betroffene Männer in München und Umland entstehen, die die Männer zielgruppenspezifisch anspricht. Auch zielgruppenspezifische Angebote im Sinne einer Vorortberatung (in Kooperation mit Ärzten in ihren Praxen) ist angedacht, da dies in Köln einen hohen Nutzen für die Zielgruppe hat und damit erst eine Weiterverweisung ermöglicht wird. Von Seiten der HIV-Schwerpunktpraxen in München wird dieses Vorhanben unterstützt, da so eine öffentliche Versorgungslücke geschlossen werden kann, für die sich die Ärzte nicht ausgebildet fühlen.

Man kann davon ausgeht, dass rund 9 Prozent der HIV-positiven Männer häufig Crystal Meth konsumieren, die Datenlage in Köln zeigt, dass das spezifische Angebot stetigen Zulauf bekommt und die Berliner Kollegen der Schwulenberatung liegen weit über diesen Zahlen. Die Angliederung eines Angebots für (Sex-)drogengebrauchende und drogenabhängige schwule und bisexuelle Männer ist sehr wichtig und die einzige sinnvolle Möglichkeit für München und Oberbayern. Die zu schaffende Stelle trägt grundlegend dazu bei die Versorgung und Vermittlung der betroffenen Männer zu gewährleisten, damit sie einen adäquaten Zugang zum bestehenden Gesundheitssystem bekommen.