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Schluss mit der Intoleranz!

Protestzug gegen Homo- und Transphobie in der Müllerstraße

Münchner Lesben, Schwule und Transgender demonstrieren im eigenen Viertel für Akzeptanz und Respekt. Gäste aus der Ukraine erleben einen CSD im Kleinen.

Die Trommler von der Münchner Ruhestörung liefen vorneweg, zahlreiche Zuschauer hingen in den Fenstern, Kneipenbesucher verfolgten die Demo vom Straßenrand  aus. Im Glockenbachviertel demonstrierten mit einem Protestmarsch am Samstag nach Einschätzung der Polizei zwischen 230 und 250 Menschen gegen Homo- und Transphobie. Anlass war der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie, englisch IDAHOT abgekürzt, den Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) jedes Jahr am 17. Mai begehen. An dem Tag strich die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1990 Homosexualität von der Liste der Krankheiten.

Europa erlebe seit einer gewissen Zeit eine bedrohliche Entwicklung, sagte Christopher Knoll zum Auftakt der Demonstration an der Ecke Thalkirchener/Müllerstraße. Knoll leitet die psychosoziale Beratungsstelle des Münchner Schwulenzentrums Sub mit und ist Mitglied der Aktivist*innengruppe Queertreiber. "Wir nehmen es nicht mehr hin, dass sich Politiker selbst aufwerten, indem sie uns abwerten", sagte er vor versammelter Menge. Initiativen wie die Besorgten Eltern, Pegida, die Demo für alle ("Manif pour tous"), die AfD – sie alle versuchten mit homo- und transphoben Argumenten gegen sexuelle Minderheiten Stimmung zu machen. "Und sie argumentieren mit dem alten Klischee, dass Homo- und Transsexualität ansteckend sei und sie deshalb ihre Kinder vor uns schützen müssten. Gegen diese Intoleranz wehren wir uns."

Die Münchner Community hatte sich deshalb am Vorabend des IDAHOT im Szeneviertel versammelt, um Respekt und Akzeptanz einzufordern. Organisiert hatte den Protestzug durchs Glockenbachviertel Kai Kundrath, Leiter der HIV-Prävention im Sub, mit seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern, der Safety-Aktionsgruppe S’AG, und der Münchner Aids-Hilfe. Unterstützt wurde die Aktion von Viva TS, den Queertreibern, Munich Kiev Queer, MiLes, Diversity, TransMann, LeTRa, der Trans*Tagung und den Samba-Trommlern der Münchner Ruhestörung. "Ich bin sehr glücklich darüber, dass im Vergleich zum Vorjahr dreimal so viele Leute gekommen sind", sagt Kundrath. 2014 gab es zum IDAHOT das erste Mal einen öffentlichen Protestzug durch die Müllerstraße mit etwa 85 Leuten. "Wir werden damit im kommenden Jahr fortfahren."

Solidarität von der Mehrheitsgesellschaft

Nach Christopher Knoll ergriff eine Vertretung der Trans-Konferenz Trans*tagung das Wort, die am Wochenende in der Münchner Aids-Hilfe tagte. Billie aus Berlin erinnerte im Namen aller Münchner Trans*Gruppen daran, dass jede und jeder der Demonstrierenden mit dem Coming-out ein einschneidendes Erlebnis erlebt habe, das ein Leben lang präge. Billie rief zur Solidarität untereinander auf und bewegte die Zuhörerinnen und Zuhörer mit der Ansprache sichtlich. Im Anschluss ergriff die Münchner Künstlerin Naomi Lawrence das Wort, die ins Ausland blickte. Zu Gast auf dem IDAHOT-Marsch waren neun Gäste aus der Ukraine, die sich zurzeit auf Einladung der Münchner Szene und des Kulturreferats der Stadt München zu einer Workshop-Woche im Schwulenzentrum Sub aufhalten. Das Thema: "Das Ehrenamt in der Community". Mit Verweis auf die von Krieg und Wirtschaftskrise gebeutelte Ukraine sagte sie, dass die Hoffnung der ukrainischen LGBT-Community auf ein diskriminierungsfreies und gerechtes Land enttäuscht worden sei und dass die Münchner und Kiewer Szene deshalb zusammenstehen müssten.

"Für uns war der Marsch von der Müllerstraße zum Reichenbachplatz über den Gärtnerplatz wie ein kleiner Pride, den wir stolz mitgegangen sind", sagt Stanislav Mishchenko vom KyivPride in Kiew. "Bei uns ist das alles viel schwieriger und auch gefährlich." Trotzdem, so der ukrainische LGBT-Aktivist, solle Anfang Juni wieder ein CSD in Kiew stattfinden. Die Partnerstadt München unterstützt den KyivPride auf höchster Ebene und schickt Stadträtin Lydia Dietrich als Vertreterin des Oberbürgermeisters Dieter Reiter nach Kiew.

Die Stimmung beim Münchner IDAHOT-Marsch war gut. Aktivisten verteilten "Homo-Pillen" an die Zuschauerinnen und Zuschauer vor den Kneipen im Viertel. Das Zuckerbonbon lud dazu ein, "Gay for a day" zu sein und warb um die Solidarität der heterosexuellen Mehrheit. Die hatte mit der Aktion ihren Spaß. Gegen 22 Uhr endete der IDAHOT mit einer Abschlusskundgebung vor dem Sub.