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Männerakademie: "Der arabische Mann erotisiert!"

Referent Peter Rehberg im Sub-Interview

Im Zuge der so genannten Flüchtlingskrise ist der junge arabische und muslimische Mann in den Fokus kultureller Diskussionen gerückt. Wir gehen der Frage nach, welche Bilder vom "arabischen Mann" in unserer Medienkultur im Umlauf sind und wie sich die schwule Perspektive dazu verhält. Am Dienstag, 11. Dezember, hält Referent Peter Rehberg, Germanist, Sammlungsleiter Schwules Museum Berlin, ab 19.30 Uhr einen Vortrag dazu. Hier unser Interview mit ihm.

Herr Rehberg, mit welchen Vorstellungen begegnen insbesondere schwule Männer dem "arabischen Mann"? Inwiefern unterscheiden sie sich von denen heterosexueller Männer?

Die westlichen Vorstellungen vom "arabischen Mann" sind paradox: Auf der einen Seite gibt es eine lange Tradition, die bis zu den Reiseberichten des 19. Jahrhunderts zurückreicht und den Orient als Ort zügelloser Sexualität imaginiert. In der jüngeren Geschichte hat sich diese Vorstellung aber mit der Idee einer unterdrückten arabischen Sexualität überlagert - im Gegensatz zur "sexuellen Moderne" Europas. Daraus ergibt sich eine gewisse Unberechenbarkeit von arabischer Männlichkeit, die von schwuler Seite aus oft erotisiert wird. Für Heteros funktioniert dieses Konstruktion des "arabischen Mannes", glaube ich, eher als Infragestellung der eigenen Männlichkeit, auch als Konkurrenz oder Neid.

Welcher Entwicklung unterliegen diese Bilder. Oder sind sie erst virulent geworden mit der Einwanderungswelle 2015?

Das lässt sich nicht in zwei, drei Sätzen beantworten. Auch wenn Westdeutschland schon seit den späten 1950ern ein Einwanderungsland war, und ja beispielsweise Filme wie Fassbinders "Angst essen Seele auf" von 1973 früh die soziale Marginalisierung und auch Erotisierung von Migranten, in diesem Fall von Nordafrikanern, thematisieren, gibt es in der Gegenwart eine andere soziale Realität, die auch ganz andere Anlässe liefert, Vorstellungen über arabische Männlichkeit zu überprüfen. Man kann zum Beispiel auch sagen, dass lange Zeit die Migrationsdebatte über die Figur der Muslima geführt worden ist - Stichwort "Kopftuchdebatte" -, während nun verstärkt auch der männliche Migrant ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Wenn hier von einer "Gefahr" die Rede ist, ist damit eigentlich immer der männliche Migrant gemeint.

Wollen Sie mit Ihrem Vortrag im Sub auch Vorurteile abbauen?

Ich bin Kulturwissenschaftler und kein Sozialwissenschaftler. Mein Ansatzpunkt ist die Frage, was sind Abbildungen, mediale und ästhetische Praktiken, die die alten Bilder nicht wiederholen. Allgemein gilt aber bestimmt, dass Kontakt und Kommunikation dafür sorgen können, dass machtvolle und faszinierende Bilder ihre Macht einbüßen.

Vorbehalte gegenüber Muslimen, gibt es auch in der Szene. Sind Schwule rassistisch? Oder als Minderheit eher solidarisch mit anderen Minderheiten?

Ich glaube beides stimmt. Im Sinne eines nicht unbedingt internationalen, sondern kulturell-strukturellen Rassismus sind wir alle rassistisch. Eine Logik der Auf- und Abwertung und Normsetzung ist tief in unsere Kultur und in unsere Formen von Subjektivität eingetragen. Natürlich macht es einen großen Unterschied, ob wir uns offen rassistisch positionieren oder einen Rassismus quasi als europäisches Erbe mit uns herumtragen und darüber reflektieren, aber es gilt eben auch nicht, dass immer nur die anderen rassistisch sind. Gleichzeitig darf man auch nicht übersehen, dass es in einigen Kiezen Probleme gibt zwischen arabischen Machokulturen und Schwulen. Wenn hier manchmal Homophobie auf Rassismus trifft, wird der Verhandlungsspielraum für ein verträgliches Miteinander natürlich eng. Auf der anderen Seite finde ich schon, dass viele Schwule und queere Menschen insgesamt auch Solidarität zeigen, zum Beispiel mit Migranten aus arabischen Ländern. Jedenfalls ist das meine Erfahrung an einem Ort wie dem Schwulen Museum in Berlin.