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Männer in der Krise: "Erstmal einfach da sein!"

Wie Schwule und ihr Umfeld größere Lebensprobleme bewältigen

Krisen und Probleme können Menschen überfordern, so dass deren Bewältigung nicht mehr gelingt. Wie können Männer diese Situation bei sich und ihrem sozialen Umfeld verstehen? Wie können sie die Probleme lösen und eine neue Stabilität erreichen? Unser Interview mit Johannes Schauer, Diplom-Psychologe und systemischer Therapeut. Am Dienstag, 8. Januar, spricht er ab 19.30 Uhr im Rahmen der Sub-Männerakademie.

Krisen und Probleme, die Menschen überfordern? Was für Krisen sind das?

Immer, wenn etwas im Leben geschieht, das stärker erschüttert oder verunsichert, als es die eigenen Möglichkeiten zu Bewältigung und Beruhigung auffangen können, geraten wir in eine Krise. Das kann durch Verlust von familiärer oder partnerschaftlicher Beziehung passieren,  aber auch durch die Erschütterung in Feldern, die für unser stabiles Selbsterleben und unsere Identität sehr wichtig sind: körperliche und psychische Gesundheit, Beruf, sogar die Sicherheit unseres Wohnraums. Wir bemühen uns, unser Leben zu gestalten, das Gute und das Schwierige im Griff zu haben, und dann geschieht etwas, das wir nicht kontrollieren konnten.

Inwieweit betrifft das Thema gerade Männer und besonders Schwule?

Viele Männer haben im Lauf ihrer Biografie bewusst oder unbewusst trainiert, Gefühle von Verunsicherung auszuhalten und zu verstecken. Viele schwule Männer mussten durch lange einsame Phasen hindurch von anderen unerkannt halten, was sie selbst noch nicht sortiert bekamen. Solche Muster halten in Stresszeiten eine Weile leistungsfähig, lösen aber nicht.

Was tun?

Eine Krise als Erwachsener zu erleben ist zwar schmerzhaft und quälend, aber im Kontakt mit zugewandten Menschen ist die langsame Stabilisierung fast immer möglich. Die Kernfrage ist deshalb: Wie sorge ich für einen wirksamen Kontakt mit Menschen, die mit mir fühlen, mich ermutigen und unterstützen können, wenn ich das aktuell nicht kann? Und das rechtzeitig, noch vor dem Zusammenbruch. Das sind keine Fragen der Altersvorsorge, sondern schon für das Leben in den besten Jahren.

Wie können Männer diese Situation bei sich und ihrem sozialen Umfeld verstehen, etwa wenn es sich um Freunde handelt oder gar Familienmitglieder?

Man muss die innere Situation eines Freundes oder Verwandten nicht verstehen oder sogar Lösungsideen haben, um sich ihm zuzuwenden. 'Ich bin bei Dir' ist wichtig, 'Ich versuche, Dir zu helfen' nachrangig. Ist jemand in einem verzweifelten oder hoffnungslosen Zustand, ist das also zuerst einmal eine natürlicherweise vorkommende Situation, die man von außen anerkennen kann und in der man miteinander ruhig schauen kann, was los ist und was jetzt zuerst mal die Not abmildert.

Sicher hält die Scham Betroffene und auch Freunde davon ab, zu helfen, oder?

Eine Krise ist kein persönliches Versagen. Sie ist wie ein Krankenstand der eigenen Bewältigungsfähigkeit, bedeutet aber nicht, dass es diese nicht mehr gibt. Statt die Haltung zu haben 'Ich bin zu schwach' oder 'Er ist zu schwach", geht es mehr um 'Ich brauche gerade Ruhe, Entlastung, Ermutigung - um den Pfad wieder zu finden'. Optimismus ist gut, darf aber keine unwürdige Leistungsideologie sein. Lieber: 'Es gibt den Weg, ruhe Dich aus, später suchen wir ihn gemeinsam". Wenn Menschlichkeit ohne Bedingungen deutlich wird, muss sich niemand  schämen.

Und wie können beide Seiten die Probleme am besten lösen?

Das Beste ist, sich mitzuteilen. Häufig geht das, wenn die Situation noch nicht hoch akut ist. Menschen, die mit wiederkehrenden psychischen Krisen zu tun haben, können das manchmal beeindruckend gut: äußern, wie es gerade ist, womit sie ringen, was funktioniert und womit sie entmutigt sind. Dann: anerkennen, dass sie gerade einen anderen Modus mit anderen Aktionen brauchen, dass sie keinen Normalmodus leisten können. Allein das ist schon eine Leistung. Das Umfeld kann in der Regel gar nichts lösen. Alles, was tatsächlich wirksam ist, wird durch die Person selbst gefunden und wiedererrungen. Jede sinnvolle Unterstützung von außen ist durch den Betroffenen entschieden - wenn das nicht geht, sollte sie warten, bis der Weg gefunden ist, der dem Betroffenen so entspricht, dass er das mindestens mitträgt. Nur in existentiellen Gefahrensituationen kann ich eine Weile ohne zu fragen handeln, nämlich wenn es zur Abwendung einer konkreten physischen oder psychischen Gefahr notwendig ist.

Welche Rolle kann ein Beratungsangebot wie das Sub spielen?

Eine Beratungsstelle wie das Sub gehört zu den kostbaren Ressourcen unserer Stadtgesellschaft. Ohne spezielle Voraussetzungen und ohne Überzeugungsarbeit ernstgenommen und von erfahrenen Profis in der eigenen Situation verschwiegen unterstützt werden - als ganzer Mann, nicht als Nur-Bedürftiger - ein besseres Signal kann die Gesellschaft nicht geben.