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Männerakademie: Body Shaming

Keine Fetten, nur XL, ab 1,90 m – unter Schwulen ist der wertende Blick auf Körper oft allgegenwärtig und prägt das Verhalten.

Antidiskriminierungs-Experte und Soziologe Nico Erhardt spricht im Rahmen der Männerakademie im Sub e. V. über restriktive Körperbilder in der schwulen Community. Dienstag, 12.03 um 19.30 Uhr. Er hat uns im Vorfeld ein Interview gegeben.

Das Thema wird neuerdings mit dem Stichwort "Body Shaming" bezeichnet. Was genau ist darunter zu verstehen?

Es ist das Phänomen, dass Menschen dafür abgewertet werden, keinen Idealkörper zu haben. Besonders perfide ist dabei die Annahme, dass jeder Mensch nur genug Arbeit (z. B. Sport, Diäten, Askese) leisten muss, um diesen erreichen zu können. Damit liegt es im Versagen der Person und das wird in der Regel zum Vorwurf gemacht.

Ist dieses Phänomen in der schwulen Community öfter verbreitet als unter anderen Teilen der Bevölkerung?

Tatsächlich gibt es Studien, die darauf hinweisen, dass diese Erfahrungen von schwulen Männern* ähnlich häufig gemacht werden, wie von heterosexuellen Frauen*. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass heterosexuelle Männer* als Vergleichsgruppe diese Erfahrungen in Umfragen weniger angeben. Es ist damit aber natürlich kein „rein schwules Problem“, sondern lässt sich auf soziologischer Ebene mit Macht- und Herrschaftsstrukturen verknüpfen, die Normen und Ideale aus Sicht von heterosexuellen, weißen Cis-Männern reproduzieren.

Wie kann man diesem Phänomen begegnen?

Das ist eine genauso berechtigte wie komplexe Frage. Ein Lösungsansatz setzt bei einem selbst an: Ich muss erkennen, dass ich andere Menschen durch mein Verhalten ausschließe, sie diskriminiere. Und ich muss mich dabei auch fragen: Woher kommt denn meine Vorstellung des Ideals? Wenn ich das nachvollziehen kann, dann wird mir vielleicht klar, dass ich eben nicht „einfach darauf stehe“, sondern in dieser Vorstellung geprägt bin von äußeren Einflüssen.

Wichtig ist aber auch, auf Community-Ebene Einspruch zu erheben, wenn Menschen wegen ihres Körpers (und natürlich aller anderen Dimensionen von Ungleichheit) ausgeschlossen werden. Auch dazu gehört das Erkennen von Unterschieden, die letztlich eine Bereicherung sein können, wenn wir sie nicht zu unerwünschten Abweichungen verklären.

Was rätst du Personen, die unter „Body Shaming“ leiden?

Sprecht darüber! Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich erzählen, dass man das Unerreichbare irgendwann so in sich aufnimmt, dass es zur Realität wird. Man hasst sich, weil man das Ideal nie erreicht, entwickelt Essstörungen, Depressionen und isoliert sich aus dem Freundeskreis. Gerade, wenn man das aber anspricht und Freunde fragt, wie sie denn beispielsweise auf eine Ablehnung sexueller Avancen reagieren, wird man oft wieder etwas geerdet. Andere sind nämlich auch nicht immer erfolgreich. Wir glorifizieren manche Menschen oft nur zu dem Ideal, welches wir gerne erreichen würden.

 

*weißt auf die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht hin und soll die Vielfalt von Geschlechterrollen sichtbar machen, die unter den Labeln „männlich“ und „weiblich“ subsummiert werden