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PRIDE WEEK Bittersüße Stereotype: Männerbilder auf Schokoladenpapier

Sven Stabroth stellt im Münchner Schwulenzentrum Sub aus

Schokoladenpapiere aus verschiedenen Ländern und Epochen - eine Ausstellung. Die Themen: Fußball, Militär, Männermode, Teen-Idole, Körperkult, HIV/AIDS und Heldentum. Wie hat sich das Männerideal im Laufe der Zeit verändert? Bis heute tragen Verpackungen zur Inszenierung von Geschlechterrollen bei. Vernissage: Sonntag, 5. Juli, 19.30 Uhr in Anwesenheit des Künstlers.

"Ich will keine Schokolade. Ich will lieber einen Mann". So kennen wir es aus dem Schlager von Trude Herr. Hinter der Bereitschaft, auf Schokolade zu verzichten, sich stattdessen einen Kerl zu wünschen, versteckt sich die überkommene Norm vom alleinigen Füreinanderbestimmtsein von Mann und Frau. Gleichzeitig bringt es auch unser Geschlechterverständnis aus kulinarischer Perspektive auf den Punkt: Schokolade ist ein Genussmittel für die Frau. Männer verschenken Schokolade höchstens.

Angefangen hat das alles freilich früher. Schon die Werbung des 19. Jahrhunderts spiegelte das Geschlechtermodell. Frauen waren zwar häufiger dargestellt als Männer, dafür meist auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert. Ein Wandel setzte erst ein, als sich die Hersteller auf die Suche nach neuen Absatzmärkten machten und gezielt Männer ansprachen. Fortan war Schokolade als Notration im Militär ein Muss. In diese Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, fällt auch die Produktion der berühmten Herrenschokolade von Stollwerck: dunkel, eher herb, bitter – eben für den Männergaumen. Sinnfällig wurden die Rollen- und Geschlechterverhältnisse nicht allein in der Werbung. Die Verpackungen veränderten sich parallel. Bis heute tragen auch sie zur Inszenierung von Geschlechterrollen bei.

Sven Stabroth inszeniert diesen Wandel mit seinen Exponaten. Er zeigt Schokoladenpapiere aus verschiedenen Ländern und Epochen. Die Themen: Fußball, Militär, Männermode, Trachten, Teen-Idole, Körperkult, Verhütung, HIV/AIDS und Heldentum. Entwarnung gibt es nicht: Die Männerklischees sind bis zuletzt nicht ganz von den Schokoladenpackungen verschwunden. Stabroth sammelt sie seit seiner Kindheit; mit seiner Kollektion hat er es sogar ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Er stellt regelmäßig aus. Hauptberuflich fördert er in Kiew die Initiative Tergo, in der sich Eltern für die Rechte ihrer homo-, bi- und transsexuellen Kinder stark machen.

Zur Illustration seiner Werke benutzt Stabroth Titel wissenschaftlicher Abhandlungen von Igor. S. Kon. Der russische Soziologe, Anthropologe und Sexualwissenschaftler hat sich Zeit seines Lebens mit der Wechselwirkung von Kultur und Sexualität auseinandergesetzt. Er untersuchte unter anderem den Zusammenhang zwischen propagierten Männeridealen und Homophobie und war der erste sowjetische Wissenschaftler, der Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten streichen wollte. Die Titel von Kons Veröffentlichungen, wie "Psychologie der frühen Jugend", "Freundschaft", "Der männliche Körper in der Kulturgeschichte", konterkarieren die ausgestellten Schokoladenpapierexponate auf humorvolle und kritische Weise.