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Debatte: Minderheiten in der Minderheit

Wie tolerant ist die schwule Szene?

Im Sub sprechen Polittunte Rinzi van den Straaten und Max Dorner, ein Schwuler mit Handicap, mit dem Publikum über Ausgrenzungserfahrungen in der Münchner Szene. Es moderiert der Schriftsteller Jens Schadendorf. Dienstag, 21. April, 19.30 Uhr.

Bei den Schwulen sind es die Tunten, die Alten, die Menschen mit Behinderung und natürlich die Ausländer. Jede Minderheit schafft sich ihre eigenen Minderheiten: Jeder, so scheint es, der nicht der Norm entspricht, ist "anders" und hat es schwer. Nicht umsonst ist "heterolike" das Lieblingswort auf Datingportalen wie GayRomeo und Grindr

Aber was heißt das für die, die "anders" sind? Und wie entwickelt sich eine Szene, die andere ausgrenzt, weil die Mehrheit schlicht nicht auffallen möchte? Darüber diskutieren, moderiert von Schriftsteller Jens Schadendorf ("Der Regenbogenfaktor"), Max Dorner, für Schwule mit Handicap, und die Polittunte Rinzi van den Straaten alias Muriel Aichberger am Dienstag, 21. April, 19.30 Uhr, im Münchner Schwulenzentrum Sub in der Müllerstraße 14.

"Abschaffung der Heteronormativität"

Rinzi van den Straaten ist eine Polittunte, die gerne aufrüttelt. "Ein Mann in Frauenkleidern provoziert automatisch." Die Gesellschaft sei geprägt von einer gewissen Weiblichkeitsfeindlichkeit und Geschlechtergrenzen dürften nicht überschritten werden. Jede Tunte, sagt van den Straaten, sei deshalb politisch. "Das Ziel soll selbstverständlich eine gleichberechtigte, freie Gesellschaft sein. Das definieren verschiedene Tunten natürlich unterschiedlich. Manchen reichen die Homo-Ehe und der Umstand, nicht mehr auf die Fresse zu kriegen. Andere wie ich wünschen sich die Abschaffung der Heteronormativität, die Befreiung vom Hyperkapitalismus und das liebevolle und wertschätzende Zusammenleben aller Menschen auf dieser Welt, also zum Beispiel auch eine gerechte Verteilung der Ressourcen."

Max Dorner sucht die Ausgrenzung nicht; er erlebt sie.

Tunten wie Rinzi van den Straaten, Olivia Jones oder Conchita Wurst erfahren Ausgrenzung, sie suchen sie, weil sie nicht der Heteronorm entsprechen wollen, die auch die schwule Szene prägt. Van den Straaten geht mit ihrem Anderssein, wenn sie in die Rolle der Polittunte schlüpft, ganz bewusst dieses Risiko ein. "Die Hauptangst der Schwulen ist, schwul zu sein", sagt sie. "Gerade die schwule Kultur hat deshalb einen Hypermännlichkeitskult entwickelt. Denn Homos wie Heteros lernen recht bald, was richtig ist, nämlich heterosexuell zu begehren und sie lernen auch, wie richtiges männliches Verhalten geht." Der Selbsthass, der entstehe, wenn man(n) nicht sein darf, wie man(n) eben ist, schade der Szene, vor allem aber den Betroffenen selbst. Van den Straatens Botschaft lautet daher: "Hört auf, Euch gegenseitig zu belästern. Sagt Euch lieber schöne Sachen." Sie fordert Solidarität und wünscht sich mehr Selbstliebe der schwulen Männer in München. "Wir gewinnen dadurch an Vielfalt und verlieren Angstpotenzial. Die Leute können tun, was sie wollen."

"Erlebe mich als Außerirdischen"

Max Dorner sucht die Ausgrenzung nicht; er erlebt sie. Der Schriftsteller leidet unter einer unheilbaren Nervenkrankheit und ist deswegen mit Rollstuhl in der Szene unterwegs. "Teil des Problems ist, dass ich gar keine anderen Schwulen mit Behinderung kennenlerne, obwohl ich die seit Jahren suche. Sie sind einfach nicht Teil der schwulen Gemeinde. Deswegen erlebe ich mich eher als Außerirdischen, wenn ich dann doch mal in eine Bar gehe. Mir wurde dann schon oft auf die Schulter geklopft und mein Mut bewundert. So etwas macht einen aber auch nicht unbefangener."

Anders als so manche Tunte erlebt er keine Aggression. Stattdessen schauen alle weg. "Hauptsächlich sehe ich Ängste und aus denen entsteht Unsicherheit und Sprachlosigkeit. Und ausgrenzen ist einfacher als einschließen, weil man sich da ja bewegen muss und positionieren." Dorner hofft, mit Debatten wie diesen, mit seinen Büchern und Aktionen, endlich ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. "Manche Einzelne werden aufhorchen und sich gemeint fühlen. Und meine Hoffnung ist, dass die immer mehr werden." Doch ihm ist klar: "Es ist ein langer Weg."

Offenes Zentrum

Mit der Debatte will das Münchner Schwulenzentrum Sub selbst einen Beitrag dazu leisten, die Szene offener und freundlicher zu gestalten. Das Schwulenzentrum hat längst nicht mehr ausschließlich für schwule Männer geöffnet; es gibt zahlreiche Kooperationen mit anderen Lesben-, Schwulen- und Transgender-Organisationen in München. Viele von ihnen übernehmen zum Beispiel regelmäßig den ehrenamtlichen Thekendienst im Sub. Es gibt aber auch etliche Ko-Projekte wie den Deutschkonversationskurs für Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuelle mit Migrationshintergrund, den das Sub und die Lesbenberatung LeTRa gemeinsam anbieten.