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PRIDE WEEK Der hohe Preis der Liebe

Im Sub kümmert sich die Gruppe Refuge@Sub um Flüchtlinge

Weil ihre Liebe aufflog, sind Ablaye Ndiaye und Samba Diop aus dem Senegal geflohen. Familie, Nachbarn und Kollegen stellten sich gegen sie, drohten. Ihr Leben war in Gefahr. In München geht ihr Versteckspiel weiter. Nur im Sub fühlen sie sich frei. Unser Artikel für den PrideGuide des CSD.

Es klopft an der Tür. Einmal, zweimal, dann immer heftiger. Nie mehr wird Ablaye Ndiaye* dieses Geräusch vergessen. Es verfolgt den 39-Jährigen, er hat es im Kopf. Das Klopfen hat für immer sein Leben verändert. Seines und das von Samba. Morgens, wenn er aufwacht ist es am Schlimmsten. Dann kommen die Erinnerungen und der Schmerz.

Samba Diop*, 32 Jahre alt, ist Ablayes große Liebe. Seinetwegen lebt er nun in Deutschland, in einem Flüchtlingsheim in München, wo genau darf niemand wissen. Sie kommen aus Dakar im Senegal. Man hat ihnen ein eigenes Zimmer zugewiesen, weil sie ein Paar sind. Die Heimleitung ist informiert, für alle anderen sind die beiden Männer Brüder.

Fünf Monate leben sie nun schon hier. Im Sub, dem Münchner Schwulenzentrum, haben sie eine neue Heimat gefunden, ein bisschen Freiheit. Hier bemühen sich Psychologen und Sozialpädagogen seit Jahren um Flüchtlinge aus aller Welt. Ablaye und Samba haben jetzt einen eigenen Anwalt. Und das hauseigene Projekt Refuge@Sub stellt neben der Beratung begleitend Paten, die sich ehrenamtlich um die Männer kümmern. Sie zeigen ihnen die Münchner Schwulenszene, übernehmen Behördengänge, verbringen Zeit mit ihnen. Seit Jahren bietet das Sub mit der Lesbenberatung LeTRa auch Deutschkonversationskurse an. Soweit sind Ablaye und Samba allerdings noch nicht. Ihre Geschichte erzählen sie auf Französisch. Sie sitzen im Café des Zentrums in der Müllerstraße 14 und erinnern sich.

Eine eigene Wohnung für das heimliche Liebesspiel

Der Tag in Dakar, der alles wenden sollte, ist ein Tag im Herbst 2015. Ablaye und Samba haben sich früh auf den Weg gemacht, wie jeden Samstag. Sie sind verabredet. Immer samstags treffen sie sich in ihrer kleinen Wohnung in einem Viertel der Stadt, das etwas außerhalb liegt. Abends um sieben sind sie wieder bei ihren Familien. Dazwischen liegen Stunden des Glücks, wenige, kostbare Momente. Niemand ahnt etwas von ihrem Doppelleben. Alle schwulen Männer leben so im Senegal, man kennt sich, trifft sich, trinkt Tee, alles diskret. Ablaye ist verheiratet und hat zwei Kinder; er arbeitet als Marketingmanager in einer Bank. Samba lebt mit seinen Eltern, der Vater ist Imam. Samba ist Ingenieur. Die Wohnung in diesem Block hat Ablaye angemietet, beide Männer verdienen nicht schlecht. Jeder von ihnen hat einen Schlüssel. Fällt die Tür hinter ihnen zu, schließt sich eine Blase um das heimliche Liebespaar. Abgeschottet von der Welt tauchen sie ab in das viele Stunden sehnlich Erwartete, verschmelzen miteinander, lieben sich. Drei Jahre lang geht das gut.

Als an diesem Samstag jemand klopft, schrecken die beiden auf, lösen sich voneinander und wickeln sich hektisch ein Handtuch um die Hüften. Ablaye öffnet, seine Frau steht vor ihm. Sie verdächtigt ihren Mann, seitdem sie die Kurznachrichten auf Ablayes Handy durchsucht hat. Heute ist sie ihm gefolgt.

Was dann geschieht, kann Ablaye sehr exakt beschreiben; er hat es oft genug berichtet. Er spricht schnell. Seinen Kaffee, seinen Kuchen rührt er die ganze Zeit nicht an. "Sie hat uns eben erwischt", sagt er. "Die Situation war eindeutig, kein Platz für Ausflüchte. „Sie hat sofort begriffen und das ganze Haus zusammengeschrien. Die Nachbarn, der Verwalter – alle waren zur Stelle. Sie hat uns beschimpft und wie wild herumtelefoniert. In kürzester Zeit wussten alle Bescheid, unsere Familien, die Verwandten, das ganz Viertel, in dem wir wohnen."

Erwischt, verraten und verfolgt

Ablayes Frau packt noch am selben Tag ihre Koffer, nimmt die Kinder und zieht aus. Ablaye bleibt im Hause der Familie, erstmal. Bei Samba ist es anders. Sein Vater, der Imam, packt die Koffer für den Sohn und verweist ihn des Hauses. Eine Schande für die Familie sei der, und dass er ihn nie mehr sehen wolle. Samba braucht lange, um diese Sätze zu formulieren. Er stottert jedesmal, wenn er wiedergibt, was er erlebt hat. Sein Freund hört geduldig zu, meistens schweigt Samba ohnehin. Samba kommt bei einem Kollegen unter, zunächst.

Sie versuchen dann noch ein paar Wochen weiterzumachen wie bisher. Aber es ist unmöglich. Im Senegal ist Homosexualität ein Verbrechen, der Staat ahndet gleichgeschlechtlichen Sex mit bis zu fünf Jahren Haft. 96 Prozent der Menschen in dem Land glauben, dass die Gesellschaft Homosexualität nicht akzeptieren dürfe. Das hat eine Umfrage des "Pew Research Center" aus dem Jahr 2013 ergeben. Die Religion, der Islam, trägt ihren Teil dazu bei. Angezeigt hat Ablaye und Samba zwar niemand, aber in Frieden können sie nicht mehr leben. Die Familien haben den Kontakt mit ihnen abgebrochen, die Nachbarn beschimpfen sie, die Kollegen drohen. „Die senegalesische Gesellschaft neigt zur Selbstjustiz“, sagt Ablaye. Es könne schon passieren, dass sie einen Schwulen totschlagen. „Das ist oft genug passiert. Im Senegal kannst Du einem Homo nicht mal die Hand geben.“ Erst jüngst hat die Presse über Fälle berichtet, in denen homophobe Mobs Jagd auf Schwule machen. Immer wieder werden Männer festgenommen, verurteilt und für Jahre weggesperrt.

Die Lage spitzt sich zu, als Jugendliche Ablayes Auto mit Steinen bewerfen. Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis irgendwann die Polizei auftaucht. Die zwei Männer beschließen zu fliehen. Sie planen die Details. Samba soll nach Frankreich fliegen, Ablaye nach Italien. In einer Stadt in Norditalien wollen sie sich treffen und ein neues Leben beginnen. Sie kratzen all ihre Ersparnisse zusammen. Es ist der 21. November 2015. In Italien kommen sie bei einem Freund unter, einem Ex von Ablaye, der das Paar aber zwei Tage später vor die Türe setzt. "Er war eifersüchtig", sagt Ablaye, "und sehr aggressiv". Und so nehmen sie ihr letztes Geld und fahren mit dem Zug nach München.

Neuanfang in Europa

"Nach Deutschland wollten wir eigentlich nicht", sagt Ablaye. In Frankreich, Italien und Spanien leben viele Senegalesen, sie haben dorthin auch Kontakte. Ablaye war in Europa beruflich schon viel unterwegs. Aber Deutschland? Am Tag der Ankunft haben sie sich gleich bei der BAMF gemeldet, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Es ist eines der wenigen deutschen Worte, die Ablaye schon beherrscht neben "Dankeschön", "Guten Tag" und einigen Redewendungen mehr. Erst wollte man sie dort trennen, aber Ablaye konnte den Beamten die Situation klar machen.

Einfach wird das Asylverfahren für die zwei schwulen Männer nicht, denn Senegal gilt als sicheres Herkunftsland. Im Jahr 2013 hat der Europäische Gerichtshof zwar entschieden, dass Homosexuelle in der Europäischen Union Asyl erhalten müssen, wenn ihnen in ihrem Heimatland aufgrund der sexuellen Orientierung Gefängnisstrafen drohen. In der Praxis nehmen sich die Behörden aber eine Menge Spielraum. Ablaye und Samba dürfen, weil sie Senegalesen sind, nicht arbeiten, bekommen nur zwei Deutschstunden pro Woche. Im Camp leben sie auf engstem Raum inmitten einer ganz offensichtlich homophoben muslimischen Gemeinschaft. Seit fünf Monaten warten sie auf ihre Anhörung.

Immer wieder im Laufe des Gesprächs fällt der Name Sascha Hübner. Er hat den beiden sehr geholfen. Aufs Sub sind sie über Recherchen im Internet gekommen. Der Psychologe arbeitet für die Sub-Beratungsstelle und leitet fachlich die Flüchtlingsgruppe Refuge@Sub an, wie er auch gemeinsam mit seinen Kollegen generell Flüchtlinge berät und betreut, die zu ihm kommen. Refuge@Sub gibt es seit vergangenem Sommer. Die Truppe macht mit Öffentlichkeitsarbeit und PR auf die Situation von Flüchtlingen in München aufmerksam, es gibt eine Website, einen eigenen Facebook-Auftritt. In kürzester Zeit hat die Gruppe außerdem einige Paten gewonnen.

Das Sub hilft

Hübner weiß, wie schwierig die Lage für Ablaye und Samba ist. "Flüchtlinge haben oft traumatische Erlebnisse hinter sich", sagt er. "Wir sind für sie da, hören ihnen zu und versuchen weiterzuhelfen." Allzu oft leider stehe allerdings das Asylverfahren selbst im Vordergrund mit seiner unfassbar komplizierten Bürokratie. Die Paten sind da eine gute Begleitung auf persönlicher Ebene. "Wir schulen sie parallel und betreuen sie supervisorisch", sagt Hübner. "Auch für sie ist es nicht einfach, mit dem umzugehen, was unsere Klienten erlebt haben. Aus ihrem Leben kennen sie das meist nicht."

Das Leben im Wartestand langweilt Ablaye und Samba, auch wenn sich die Paten vorbildlich um sie kümmern. Geld haben sie nicht viel. "Wir laufen gerne stundenlang an der Isar", sagt Ablaye. Samstags gehen sie oft ins Sub, es ist ihr Paartag wie früher schon, und einmal waren sie donnerstags beim Cercle Francais, der Freizeitgruppe für Frankophone im Sub. Heute Abend ist Lange Nacht der Musik, ob sie hingehen? "Zu teuer", sagen sie. Aber im Café werde die Atmosphäre auch nett sein. In der Müllerstraße sind die Getränke günstig, die teureren Alkoholika konsumieren Ablaye und Samba als gläubige Muslime sowieso nicht. "Wir können hier einfach sitzen, ein bisschen flirten und für uns sein", sagt Ablaye. "Und die Leute akzeptieren uns als Paar. Niemand würde meinen Freund anmachen, weil er süß ist."

Sie träumen von einem ganz normalen Leben

Freilich ist ihnen die Szene noch ein bisschen fremd. "Wir wissen nicht, ob wir willkommen sind", sagt Ablaye. "Es ist eine Distanz da. Das mag an der Sprache liegen, daran, dass wir schwarz sind. Die Leute haben Berührungsängste, speziell gegenüber Muslimen." Dennoch: Im Sub fühlen sie sich freier als anderswo. Draußen müssen sie ihr Leben im Versteckten weiterleben. Niemand darf sie sehen, wenn sie ihre Hände halten, sich umarmen oder küssen. Man könnte im Camp sonst Rückschlüsse ziehen, sie angreifen. Wenn sie nachts miteinander schlafen, müssen sie still sein.

Sie träumen von einem "ganz normalen Leben", wie Ablaye sagt, zu zweit, als verheiratetes Paar, mit Arbeit, einer Perspektive. "Dafür haben wir einen hohen Preis bezahlt." Dann würden sie auch gerne eine Mitgliedschaft im Sub abschließen und etwas zurückgeben von dem, was sie bekommen haben. Auch ehrenamtlich könnten sie sich engagieren, wie das so viele im Münchner Schwulenzentrum tun. Bis dahin werden Ablaye Ndiaye und Samba Diop noch lange warten müssen. Sie werden sich weiter verstecken, sich sorgen, den Schmerz der Erinnerung mit der Liebe füreinander aufzuwiegen versuchen und jeden Samstagabend in Sub gehen. Das Klopfen aber wird nie aus Ablayes Kopf verschwinden. 

Text: Conrad Breyer

*Namen von der Redaktion geändert