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Video: Sub beklagt Anstieg homophober Gewalt!

Übergriffe auf Schwule, Lesben und Trans* nehmen wieder zu

Zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie IDAHoBIT am 17. Mai lancierten wir eine Sensibilisierungs- und Solidaritätskampagne. Hier alle Infos.

Die Zahlen sind eindeutig. Seit Jahren verzeichnet die Beratungsstelle des Münchner Schwulenzentrums Sub mehr Gewalttaten gegen Homosexuelle im Glockenbachviertel, dort wo die schwulen Männer Münchens eigentlich zuhause sind. Im Mai 2017 beherrschte der Fall Gregor P. die Medien (Video), der an seinem 30. Geburtstag vor der Prosecco-Bar in der Müller-, Ecke Theklastraße von einem Unbekannten mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde, weil er sich nicht als "scheiß Schwuchtel" beschimpfen lassen wollte. Zwei Jahre davor war es Marcel Rohrlack, damals Sprecher der Grünen Jugend, der nach dem CSD auf dem Heimweg am Ostbahnhof attackiert wurde; er war mit seinem Freund in Drag unterwegs. Die Täter hat die Polizei nie gefasst.

Im vergangenen Jahr erreichten das Sub 38 Fälle von Gewalt gegen Schwule außerhalb der Familie, 2016 waren es 22. Und das sind nur die offiziellen Zahlen von Betroffenen, die sich hilfesuchend an den Verein gewendet haben. "Darüber hinaus hört man noch viele Geschichten aus der Szene", sagt Christopher Knoll, der die psychosoziale Beratungsstelle im Sub fachlich leitet. In ganz München werden Schwule wieder zu Opfern – verbal wie körperlich. Nur die wenigsten bringen ihren Fall zu Anzeige.

Kampagne: Kein Platz für Hass bei uns im Viertel!

Das Münchner Schwulenzentrum hat sich daher vorgenommen, das Problem in der Öffentlichkeit deutlicher zu benennen und Solidarität einzufordern. Auf dem IDAHoBIT war das Thema, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie am 17. Mai, als die gesamte Münchner LSBTI-Community zur Demo in der Müllerstraße aufrief wie schon im vergangenen Jahr, als Gregor P. verprügelt wurde.

Sub-Geschäftsführer Dr. Kai Kundrath und seine Kollegen haben außerdem eine Solidaritätskampagne ins Leben gerufen. "Kein Platz für Hass bei uns im Viertel", heißt sie. Die Plakate und Flyer liegen vor allem in den Kneipen und Bars der Szenegastronomie aus. "Wir wollen den Wirten damit die Möglichkeit geben, zu sagen: Mit uns nicht! Und wir wollen gleichzeitig, die Leute hier sensibilisieren und für ein respektvolles Miteinander gewinnen."

Letztlich gehe es auch darum, die Opfer zu ermutigen, Gewalttäter anzuzeigen. "Aus Scham wird das viel zu wenig gemacht", sagt Knoll. Die Opfer wollen sich nicht outen, haben Angst vor Verfolgung. Manche fühlen sich schuldig, sie könnten sich falsch verhalten haben. Männer in Drag wie damals Marcel Rohrlack bekommen das durchaus zu hören. Man gehe schließlich nicht in Frauenkleidern auf die Straße, sagen selbst schwule Männer. "Der hat die Gewalt provoziert", heißt es dann häufig in den sozialen Medien. Dabei würde das Sub Opfer, die das wollen, durchaus zur Polizei begleiten. Die Psychologen im Münchner Schwulenzentrum rufen zunächst an und gehen dann mit aufs Revier.

Die Beratungsstelle im Sub arbeitet eng mit den Spezialisten der Trauma-Ambulanz an der Uni zusammen. "Man muss möglichst schnell anfangen, das Erlebte aufzubereiten", sagt Knoll. Was passiert ist, lasse sich nicht ungeschehen machen, aber man könne damit umgehen lernen.

Nach dem Angriff: Wut und Angst

Gregor P. und Marcel Rohrlack waren damals nicht im Sub; sie haben viel Unterstützung von ihrer Familie, engen Freunden, den Wirten im Viertel und der Community bekommen. Das habe ihnen sehr geholfen. Eine Woche war Gregor P. im Mai 2017 im Krankenhaus; eine Fraktur unter dem Auge musste operiert werden. Die eingesetzte Titanplatte verwachse mit der Zeit im Gewebe, sagt er. Seine Erinnerungen aber dürften nicht so schnell verblassen. Bald nach dem Abend stellte sich ein Gefühl der Trauer ein, dann Wut. "Da ist jemand in meine Schutzzone eingedrungen", sagt Gregor P. „Ich bin sechs Jahre im Glockenbachviertel ausgegangen und nie ist mir sowas passiert.“ Bis heute beschäftigt ihn der Überfall. In der Nacht vom 12. Mai war er stolz auf sich, weil er sich gegen die Beleidigung seines Angreifers zur Wehr gesetzt hatte. Heute würde er schweigen. "Ich bin vorsichtiger geworden." Und das findet er schade: "So frei wie früher fühle ich mich nicht mehr."

Woher der ganze Hass kommt? "Man fragt sich", sagt Knoll. Vor ein paar Jahren waren es vielleicht die vielen Besucher*innen vom Land, die es schick fanden, samstagabends im Münchner Glockenbachviertel auszugehen und die mit dem selbstbewussten schwulen Leben rund um den Gärtnerplatz nicht klarkamen. Inzwischen nimmt Knoll auch einen gesellschaftspolitischen Wandel wahr: "Es ist wieder salonfähig geworden, Homos zu hassen." Der Berater macht den Rechtsruck im Land dafür verantwortlich. "Die Solidargemeinschaft unter den Homophoben ist größer geworden; man traut sich das wieder."

Bayern schaut weg

Im Viertel wollen sie jetzt alles zusammen gegen den Hass und die Vorbehalte vorgehen. Die Polizei kooperiert gut. Allerdings könnte die Sache für alle Beteiligten noch einfacher sein, wenn die Beamten Fälle von Hasskriminalität, speziell homophobe Delikte, gesondert erfassten wie sie das etwa in Berlin tut. Und wenn es in München einen Queer-Beauftragten gäbe. Bestimmt, da ist sich das Sub sicher, würden dann noch mehr Opfer homophober Überfälle zur Polizei zu gehen. Für den Staat freilich ist das bequemer: Die Behörden sind so nicht gezwungen, sich dem Problem zu stellen und Präventionsmaßnahmen zu entwickeln; es existiert ja nachweislich nicht. Das Münchner Schwulenzentrum fordert: Jegliche Form vorurteilsbedingter Gewalt muss registriert werden: Gewalt gegen Ausländer, gegen Menschen mit Behinderung, gegen Lesben, Schwule, Trans und andere soziale Gruppen! Und sie sollte strafverschärfend wirken.

Gregor P. war natürlich bei der Polizei. Die Erstvernehmung am Tatort sei eine Farce gewesen, sagt er. Die jungen Beamten hätten ihn zum alkoholisierten Täter gestempelt, erst später habe die Staatsgewalt mehr Verständnis gezeigt, sich um sein Anliegen ehrlich bemüht und das Verhalten der Streifenpolizisten vor dem Prosecco entschuldigt. Sie waren mit der Situation offenbar überfordert. Marcel Rohrlack hat nicht ganz so krasse, aber doch ähnliche Erfahrungen gemacht.

Anzeigen helfen allen!

Das Sub und seine Kooperationspartner im Viertel wollen den Opfern also Mut machen, Übergriffe im Sub zu melden und anzuzeigen. Das helfe einmal den Opfern, die Tat zu bewältigen, sagt Christopher Knoll. "Selbstbewusste Menschen verstehen, dass nicht sie persönlich gemeint waren, sondern sie als Vertreter*innen einer sozialen Gruppe." Und nur wenn eine Anzeige vorliege, können die Täter auch gefasst werden. Dem Sub hilft eine valide Statistik, öffentlichkeitswirksam Druck zu machen. Die Arbeit hat gerade erst angefangen.

Gregor P. ist inzwischen nach Bremen gezogen. Er kommt von dort, der Umzug habe nichts mit der Prügelei von damals zu tun, sagt er, aber der Neuanfang hat ihm doch auch gut getan. Und Marcel Rohrlack? Er wird immer wieder in Drag auf die Straße gehen, sagt er. Jetzt erst recht!