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Trotz Schwunds: Schwule mit Szene zufrieden!

Sub und Aids-Hilfe veröffentlichen Ergebnisse der Szene-Umfrage

Schwule Männer sind heute viel glücklicher mit ihrer Szene als früher – und das obwohl immer mehr Lokale schließen. Vor allem die Jungen gehen gerne "schwul" weg, um sich mit ihren Freunden zu treffen. Die Suche nach Sex wird ins Internet verlagert. Die HIV-Prävention der Münchner Community stellt sich auf die neuen Gegebenheiten ein.

Die Ergebnisse haben die Macher der Szene-Umfrage "Wie tickt die Szene?" überrascht. Münchens schwule Männer sind mit sich und ihrer Szene zufrieden. Dabei gäbe es durchaus Grund zur Klage: Immer mehr einschlägige Lokale haben in den vergangenen Jahren ihren Betrieb eingestellt; von einst neun Schwulenbars in der Hans-Sachs-Straße ist gerademal eine übrig geblieben. Dennoch: Die schwulen Männer Münchens schätzen und lieben ihre Szene.

Mit Fragen zur sexuellen Identität, dem Ausgeh-Verhalten und zur Internet-Nutzung haben das Münchner Schwulenzentrum Sub und die Münchner Aids-Hilfe im Sommer vergangenen Jahres eine Umfrage unter Münchens schwulen Männern gestartet. Sie wollten so Erkenntnisse für die HIV-Prävention in der Szene gewinnen. Jetzt stehen die Ergebnisse fest: Exakt 774 Leute zwischen 17 und 75 Jahren haben an der Studie teilgenommen; das Durchschnittsalter lag bei 38 Jahren. Damit ist die meist online geführte Erhebung zwar nicht repräsentativ. Sie bildet aber interessante Trends ab, wenn man die Resultate mit der Umfrage vergleicht, die das Sub zuletzt im Jahr 2000 ("Deine Szene: Heimat oder Horror") durchgeführt hat.

Am 29. April stellte das Schwulenzentrum die Ergebnisse der Umfrage offiziell vor. Um 19.30 Uhr fand in der Müllerstraße 14 dazu eine öffentliche Präsentation statt.

Die Partnersuche übernehmen GayRomeo, Grindr und Facebook

Insgesamt fühlen sich die Münchner Männer in der schwulen Szene wohl. Im Vergleich zur 2000er-Studie gewinnen positive Aussagen wie "Ich genieße die lockere Stimmung in der Szene", "Die Menschen sind freundlich" und "Ich kann mich so geben wie ich bin" an Zustimmung. Die Schwulen Münchens sind mit sich und ihrer Umwelt im Reinen; die meisten leben ihre Sexualität offen. Für alle Befragten hat die schwule Community - gemeint sind rein schwule, aber auch gay-freundliche Lokale - eine soziale Funktion. Sie treffen sich dort mit ihren Freunden, entspannen, machen Party. Den Druck, dort einen Partner fürs Leben oder auch nur für eine Nacht finden zu müssen, empfinden schwule Männer heute nicht mehr in dem Maße, wie das einst der Fall war. Das zeigt der Vergleich mit früher. Die Partnersuche findet heutzutage im Internet statt – auf GayRomeo, Grindr, Facebook. Der Atmosphäre in der Szene tut das gut.

"Das ist das Überraschende", sagt Kai Kundrath, der das Projekt Prävention im Sub leitet und die Umfrage mit seinem Ehrenamtler-Team initiiert hat. "Die schwule Szene hat für die Männer heute noch genauso eine Schutzfunktion wie früher. Sie hat sich zwar verändert, aber sie ist nach wie vor wichtig. Dass einige der Älteren den alten Wohnzimmerkneipen nachtrauern, die es in dem Maße nicht mehr gibt, ist verständlich. Die Jungen aber kennen keine andere Szene." 

Was genau hat sich in der Münchner Szene verändert? Es gibt weniger rein schwule Cafés, Bars, Restaurants, Clubs und Saunas. Die Leute gehen aber nur bedingt seltener aus. Dafür gibt es immer mehr organisierte Vereine und Gruppen, in denen viele Schwule engagiert sind. Party-Locations wechseln außerdem kurzfristig, beliebt sind Kneipentouren und Bar-Hopping. Nicht wo ich ausgehe, steht beim Ausgehen also im Vordergrund, sondern mit wem.

"Die Münchner Szene löst sich nicht auf, weil wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen wären", sagt Martin Jautz, Kundraths Kooperationspartner bei der Münchner Aids-Hilfe. "Nur die Struktur wandelt sich. Die Szene bietet nach wie vor einen Schutzraum. Hier kann ich sein, wie ich bin. Hier erfahre ich die Solidarität Gleichgesinnter." 

Schwule Männer gehen heutzutage überall aus

Für die Vor-Ort-Prävention von Sub und Münchner Aids-Hilfe haben die Ergebnisse allerdings Konsequenzen; sie wird deutlich aufwändiger: Wer über die Risiken einer HIV-Infektion aufklären will, muss neben den verbliebenen Szenelokalitäten vor allem an den Stellen präsent sein, an denen schwule Männer anzutreffen sind. Und das werden mit dem Strukturwandel immer mehr. Auch im Internet nimmt die HIV-Arbeit mehr Kapazitäten in Anspruch.

Eine zentrale Rolle spielt das Präventionsteam von Münchner Aids-Hilfe und Sub, die Safety-Aktionsgruppe S’AG. Die Ehrenamtler sind in der Szene unterwegs, verteilen Kondome und Gleitmittel, machen aber auch mit Szene-Events, Live-Acts und eigenen Partys auf ihre Anliegen aufmerksam. Dabei müssen sie sich immer neue Ideen einfallen lassen, um aufzufallen.